Ärzte Zeitung online, 16.10.2013

Adipositas

Extremes Übergewicht wird immer jünger

Fettleibigkeit soll als Krankheit anerkannt werden - fordert die Deutsche Adipositas Gesellschaft. Die Diskriminierung der Betroffenen als willensschwach müsse ein Ende haben, so die Experten.

Extremes Übergewicht wird immer jünger

Adipositas wird immer noch häufig als Charakterschwäche angesehen. Experten fordern schon lange, extremes Übergewicht als Krankheit anzuerkennen.

© Peter Albrektsen / fotolia.com

HANNOVER. In Deutschland leiden vermehrt Männer und junge Erwachsene unter extremem Übergewicht.

"Insgesamt ist fast ein Viertel der deutschen Bevölkerung adipös", sagte die Kongresspräsidentin der Jahrestagung der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Professor Martina de Zwaan.

Das starke Übergewicht bringe medizinische und psychologische Probleme mit sich. Mehr als 400 Experten diskutieren über neue Wege der Prävention und Therapie.

Von Adipositas spricht man ab einem Body Mass Index (BMI) von 30. Bei einer Größe von 1,70 Meter wären das 86,5 Kilogramm. Mit einem BMI zwischen 25 und 30 gilt ein Mensch als übergewichtig.

"Adipositas ist eine Krankheit des Gehirns"

Die Fachleute forderten die Krankenkassen auf, Adipositas endlich als Krankheit anzuerkennen, sodass die Betroffenen bei der Kostenübernahme nicht auf Einzelfallentscheidungen angewiesen seien.

"Adipositas ist eine Krankheit des Gehirns, nicht ein Lebensstil-Phänomen", betonte der Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Professor Martin Wabitsch.

Der Experte vom Universitätsklinikum Ulm ist Koordinator des Kompetenznetzes Adipositas. In dem vom Bundesforschungsministerium mit zwei Millionen Euro geförderten Projekt bekommen Jugendliche mit schwerem Übergewicht Hilfsangebote.

"Unser Ansatz ist nicht die Gewichtsreduktion, sondern die Verbesserung der psychosozialen Situation", erläuterte Wabitsch. Mädchen und Jungen, die 150 Kilogramm und mehr wiegen, hätten oft eine schlechtere Lebensqualität als Krebskranke.

"Sie finden keinen Ausbildungs- und Arbeitsplatz. Sie finden keinen Partner. Sie sind zunehmend isoliert."

Projekt über sechs Jahre für 14- bis 21-Jährige

In dem auf mindestens sechs Jahre angelegten Projekt soll untersucht werden, welche Therapieansätze erfolgversprechend sind.

An dem Projekt teilnehmen können 14- bis 21-Jährige, von denen viele aufgrund ihrer Pfunde Gelenkprobleme, nächtliche Atemaussetzer oder Altersdiabetes haben. Bundesweit sind mehr als 200.000 junge Leute betroffen.

Wenn die Umstellung der Ernährung und Verhaltenstherapie nicht fruchten, kommt bei krankhaft fettleibigen Jugendlichen ein chirurgischer Eingriff infrage.

"Wir wissen, dass die Komplikationen in der Adipositas-Chirurgie geringer geworden sind", sagte Professor Alfred Wirth aus Bad Rothenfelde.

Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben von Kongresspräsidentin Martina de Zwaan bundesweit 6000 Adipositas-Operationen wie zum Beispiel Magenverkleinerungen registriert.

Die Fachgesellschaft schätzt, dass deutsche Kliniken 2012 insgesamt 9000 solcher chirurgischer Eingriffe vorgenommen haben. Die Tendenz sei stark steigend, sagte de Zwaan.

Eine positive Nachricht hatten die Fachleute aber auch: Bei den Schuleingangsuntersuchungen seien in den vergangenen Jahren weniger übergewichtige Kinder vorgestellt worden.

Die Aufklärungskampagnen seit Mitte der 90er Jahre zeigten Erfolge, hieß es.

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