Ärzte Zeitung online, 23.12.2015

E-Health

Vorsicht bei Ernährungs-Apps!

Immer mehr junge Mütter holen sich Ernährungs-Tipps aus dem Internet. Welche Informationen sind dabei relevant? Was macht eine App vertrauenswürdig? Experten raten zu einer kritischen Auswahl.

Vorsicht bei Ernährungs-Apps!

Schlaue Anwendungen für das Mobiltelefon sollen Schwangere bei der richtigen Ernährung unterstützen.

© Robert Kneschke / fotolia.com

MÜNCHEN. Fakten zum Informationsverhalten der Smartphone-Generation hat die Ernährungsexpertin Dagmar Freifrau von Cramm beim Workshop "Digitale Ernährungsrevolution - Chancen und Risiken" vorgestellt.

"Es gibt heute keine Traditionen mehr. Die Peergroup ersetzt die Oma oder Tante. Die richtige Musik spielt in den Foren", sagte sie beim gemeinsamen Symposium vom Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) am Bayerischen Landwirtschaftministerium sowie vom Netzwerk Gesund ins Leben (aid-Infodienst e.V.) und von der Stiftung Kindergesundheit.

Die unter Leistungsdruck stehenden jungen Mütter suchen Rat vor allem im Internet, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer Mitteilung zu dem Symposium.

Nach Angaben von Cramm suchen dabei 81 Prozent Informationen im unabhängigen Bereich, 80 Prozent bei ebenfalls betroffenen Personen und 79 Prozent bei Nichtregierungsorganisationen wie PETA. 70 Prozent suchen die Seiten von wissenschaftlichen Institutionen auf und nur 40 Prozent verlassen sich auf Journalisten.

Viele Menschen wollen klare Regeln, wird Professor Hannelore Daniel in der Mitteilung zitiert. Sie leitet den Lehrstuhl Ernährungsphysiologie der Technischen Universität München. Daniel ist überzeugt: Es werden immer mehr digitale Hilfsmittel zum Gesundheitsmonitoring den Markt erobern.

Der Internetriese Google lässt bereits Messmethoden für fast alle Funktionen des menschlichen Körpers entwickeln. So wird etwa eine Kontaktlinse mit Elektronik zur Messung des Blutzuckers in der Tränenflüssigkeit entwickelt. Die Daten des Sensors werden von einem integrierten Funkchip empfangen und die Information an ein tragbares Gerät weitergeleitet.

Eine App allein macht nicht schlank

Die Entwicklung läuft in Richtung personalisierte Ernährung. Als häufige Motivation, an Programmen und Systemen für eine personalisierte Lebensweise und Ernährung teilzunehmen, sieht Daniel die um sich greifende Unsicherheit.

Statt selbst die Entscheidung zu fällen, delegiert man die Entscheidung an die vermeintlichen Experten. Man erwartet von ihren Empfehlungen Genuss, Bequemlichkeit und Gesundheit.

Professor Hans Hauner von der Technischen Universität München ortete das Übergewicht als das Hauptproblem vieler werdender Mütter.

"Viele starten schon mit erhöhtem Gewicht in die Schwangerschaft", berichtete der Ernährungsmediziner, Initiator des Kooperationsprojektes "Gesund leben in der Schwangerschaft" (GeliS) der TUM und des Kompetenzzentrums für Ernährung (KErn). 21 Prozent der jungen Frauen seien schon zu diesem Zeitpunkt übergewichtig und 14 Prozent adipös.

"In den Praxen der Frauenärzte ist allerdings das Problem Übergewicht offenbar noch nicht angekommen", bedauert Hauner in der Mitteilung und fügt hinzu: "Erstaunlicherweise auch nicht bei den Hebammen". Dabei sei die persönliche Aufklärung besonders wichtig, denn: "Eine App allein macht niemanden schlank", so Hauner.

Kraftnahrung Muttermilch

Professor Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung Stoffwechsel- und Ernährungsmedizin am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, brach eine Lanze für die Kraftnahrung Muttermilch.

Er betonte: "Die Ernährung im frühen Kindesalter ist wichtiger als in jeder anderen Lebensphase". In dieser Zeit vollziehe sich die Programmierung der lebenslangen Gesundheit.

Gestillte Kinder werden intelligenter

Die frühe Ernährung bewirkt andauernde Effekte auf Physiologie, Funktionen, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Krankheitsrisiken eines Menschen.

"Sogar auf seine Intelligenz und auf sein Einkommen", so Koletzko: "Nach einer Metaanalyse der WHO liegt die Intelligenz von gestillten Kindern im Erwachsenenalter um 3,5 IQ-Punkte höher als die von nichtgestillten".

Der Vorteil der frühkindlichen Ernährung schlägt sich sogar auf dem Gehaltszettel nieder. Koletzko: "Eine prospektive Studie in Brasilien mit 3.493 Teilnehmern ergab eine Steigerung der Intelligenz um 3,8 Punkte bei denen, die als Kinder im ersten Lebensjahr gestillt wurden. Diese Personen verdienten im Alter von 30 Jahren 23 Prozent mehr als ihre nicht gestillten Altersgenossen".

Plädoyer für mehr Bewegung

Sportliche Aktivitäten sind in der Schwangerschaft ein super Medikament, sagte Professor Renate Oberhoffer, Lehrstuhlinhaberin für Präventive Pädiatrie der TU München.

Dazu müsse man nicht in ein Fitness-Studio gehen: Jede Art von Aktivität im Alltag und in der Freizeit sei nützlich, verhütet Gestationsdiabetes und Eklampsie und trägt dazu bei, Übergewicht zu bekämpfen. Besonders wichtig: "Es sollte die ganze Familie zu mehr Bewegung motiviert werden", so die Wissenschaftlerin.

Viele Medizin-Apps helfen nicht

Die Zahl der Apps, die weltweit in den Kategorien "Medizin" und "Gesundheit und Fitness" zur Verfügung stehen, ist mittlerweile auf über 170.000 angewachsen, ermittelte Kommunikationsexpertin Dr. Ursula Kramer, Chefredakteurin von HealthOn, einer Informations- und Bewertungsplattform für Gesundheits-Apps.

Allerdings bringen die drei Milliarden Downloads von Medizindaten nur selten einen echten Informationsgewinn. "Nur drei Prozent vermitteln tatsächliche Unterstützung, sonst sind sie lediglich eine schlichte Aneinanderreihung von Informationen".

Es gibt auch keine Regulierung und keine Kontrolle für die vermittelten Informationen. Es ist den Anbietern überlassen, welche Informationen sie offenlegen, um zum Beispiel Interessenkonflikte erkennbar zu machen oder um die Fundiertheit und Vertrauenswürdigkeit ihrer Gesundheitsinformationen zu untermauern.

Kramer: "Die zur Babyernährung angebotenen 3000 Apps sind in der Regel nicht leitlinienkonform und haben auch keinen Nachweis für Ernährungskompetenz".

Stehen Interessen hinter einer App?

Da 80 Prozent der Medizin-Apps kostenlos sind, sollten sich die Nutzer immer fragen, welche Interessen dahinter stehen, dass ihnen diese Seiten angeboten werden.

Gibt sich der Hersteller nicht zu erkennen, zum Beispiel mit einem Impressum, oder klärt er nicht auf, woher die Informationen stammen, welcher Experte zum Beispiel für die Richtigkeit der Information steht, sollte man als Nutzer nach Alternativen suchen.

Da viele Ernährungs-Apps auch mit Tagebüchern arbeiten, ist eine Datenschutzerklärung essenziell, die aufklärt, ob und wie personenbezogene Daten beim Speichern oder Versenden geschützt werden.

Auf die Notwendigkeit eines vollständigen Impressums machte auch Oliver Brunner aufmerksam, Informatiker beim Bayerischen Landesbeauftragten für den Datenschutz. Er empfahl außerdem, bei der Installation eines Programms auf die vom Programm angeforderten Berechtigungen zu achten.

Oft werden nämlich für schlichte Funktionen auch Daten zum Standort, Fotos, Medien und Dateien, WLAN-Verbindungsinformationen und die Geräte-ID des Benutzers abgerufen und gesammelt.

App-Trilogie für Schwangere und junge Mütter

Ein positives Beispiel ist die "App-Trilogie"zu "Schwanger & Essen", "Baby & Essen" und "Kind & Essen". Diese wurde unter anderen vom Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn), von der Stiftung Kindergesundheit und vom Dr. von Haunerschen Kinderspital entwickelt.

Sie basieren auf den Handlungsempfehlungen des Netzwerks "Gesund ins Leben - Netzwerk junge Familie", an deren Entstehung deutsche Fachgesellschaften von Medizinern, Hebammen und Ernährungsexperten beteiligt waren. Die Apps gibt es kostenlos im Apple-Store und Google-Playstore. (eb/eis)

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