Ärzte Zeitung, 26.05.2016

Mausmodell zeigt

Epigenetische Veränderung macht für Übergewicht anfälliger

POTSDAM-REHBRÜCKE. Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) unter Führung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) haben am Mausmodell gezeigt, dass bereits eine im Jungtier zu beobachtende epigenetische Veränderung des Igfbp2-Gens eine spätere Leberverfettung im erwachsenen Tier ankündigt (Human Molecular Genetics 2016; online 28. April). Zudem hätten Jungtiere mit dieser Veränderung einen gestörten Zuckerstoffwechsel und seien deutlich anfälliger für krankhaftes Übergewicht, teilt das DIfE mit.

"Auch bei krankhaft übergewichtigen Menschen mit einer beginnenden Zuckerkrankheit konnten wir diese Veränderung im entsprechenden Gen nachweisen. Sie käme daher vielleicht künftig als Risikomarker in Frage", so Annette Schürmann vom DIfE in der Mitteilung.

Auch die familiäre Herkunft beeinflusse ja das individuelle Risiko für Übergewicht, erinnert das Institut. Allerdings erklärten die bislang identifizierten Genvarianten nur etwa fünf Prozent der familiären Vorbelastung. Diese Diskrepanz lege nahe, dass auch noch andere vererbbare Faktoren eine Rolle spielen, etwa epigenetische Veränderungen des Erbguts. Hierzu zählen unter anderem DNA-Methylierungen. Diese verändern den genetischen Code nicht. Sie können aber dazu beitragen, dass zum Beispiel Gene weniger stark abgelesen werden, so dass die Zellen geringere Mengen der entsprechenden Proteine produzieren. Hierdurch kann es unter anderem zu Stoffwechselstörungen kommen. Bereits im Jahr 2013 hätten Forscher aus Dresden beobachtet, dass Personen mit Typ-2-Diabetes und Fettleber geringere Mengen des Proteins IGFBP2 in der Leber produzieren, heißt es in der Mitteilung. Gleichzeitig hätten sie nachgewiesen, dass die verminderte IGFBP2-Freisetzung mit einer erhöhten DNA-Methylierungsrate verschiedener Gene einhergeht. Um zu prüfen, inwieweit die verringerte Proteinfreisetzung auf die epigenetischen Veränderungen zurückzuführen ist, habe das Team um Schürmann die Zusammenhänge nun an einem geeigneten Mausmodell, der sogenannten C57BL/6J-Maus, untersucht. Ähnlich wie eineiige Zwillinge sind alle Tiere dieses Zuchtstamms genetisch identisch. Dennoch nehmen einige der Mäuse unter einer fettreichen Ernährung viel stärker zu als andere und entwickeln im Erwachsenenalter mit etwa 20 Wochen eine Fettleber. Wie die Forscher zeigen, war bei diesen Tieren bereits im Alter von 6 Wochen das Igfbp2-Gen stärker methyliert, also epigenetisch verändert, und gleichzeitig die IGFBP2-Synthese in der Leber deutlich verringert.Ebenso traten bei diesen Mäusen schon sehr früh erste Zuckerstoffwechselstörungen auf. Wie weitere molekularbiologische Untersuchungen der Wissenschaftler zeigten, trägt die Methylierung im nicht-codierenden Bereich des Igfbp2-Gens zu der verminderten IGFBP2-Synthese bei. Auch in menschlichen Blutzellen von Personen, die unter krankhaftem Übergewicht litten und deren Zuckerstoffwechsel bereits gestört war, wiesen die Forscher dieselbe epigenetische Veränderung im humanen Gen nach."Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die von uns untersuchte epigenetische Veränderung Mäuse sowie Menschen für Übergewicht anfälliger macht und gleichzeitig deren Risiko erhöht, mit fortschreitendem Lebensalter eine Fettleber zu entwickeln", wird Anne Kammel zitiert, die Erstautorin der Studie. "Da die Methylierung des Gens bereits sehr früh auftritt, weit bevor sich eine Fettleber entwickelt hat, wäre es denkbar, dieses Wissen zu nutzen, um das Erkrankungsrisiko bereits bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen besser einzuschätzen. Man hätte so die Möglichkeit, der Erkrankung durch geeignete Maßnahmen rechtzeitig vorzubeugen", ergänzt Schürmann. (eb)

[26.05.2016, 13:16:02]
Dr. Karl-Otmar Stenger 
Gen-Methylierung und vorbeugende Gesundheitsfürsorge
Schön und gut was die Forschungsergebnisse uns an Neuigkeiten bescheren. Denkt man den Vorsorgegedanken zuende, ist man wohl auch in Zukunft auf dem Holzwege; denn wer soll das - möglicherweise auf Krankenkassenkosten - bei wem untersuchen ? Vorbeugende Gesundheitsfürsorge stelle ich mir anders vor: Die WHO hat da einen besseren Vorschlag: Begrenzung des Anteils von Zucker auf < 5% der Energiezufuhr. Forschungsvorhaben mit dem Hintergedanken, die wirklich wichtigen Maßnahmen zu unterlassen, sollten nicht mehr gefördert werden. zum Beitrag »

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