Ärzte Zeitung online, 10.02.2017

Adipositas

Was bringen Paläo, Low-Carb, Vegan und Co?

Wer adipös ist, braucht eine dauerhafte Umstellung von Lebensstil und Ernährung. Trendige Ernährungsformen können dabei helfen, sollten aber nicht zur Religion werden.

Von Philipp Grätzel von Grätz

BERLIN. Rund 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen in Deutschland sind adipös. Besonders unter den 24- bis 35-Jährigen gehe der Trend stark nach oben, sagte Professor Hans Hauner vom Institut für Ernährungsmedizin München. Schuld daran seien weniger die Betroffenen selbst als das "adipogene Umfeld". Bei einer Veranstaltung der DGIM im Vorfeld des Internistenkongresses diskutierte Hauner, inwiefern moderne Ernährungsformen dazu beitragen können, dauerhaft von einem hochkalorischen Ernährungsverhalten wegzukommen. Relativ positiv bewertete Hauner eine Ernährung mit wenig Kohlenhydraten: "Low-carb ist in Maßen akzeptabel, auch wenn wir nicht genau definieren können, wie viele Kohlenhydrate optimal sind. Besonders günstig ist Low-carb bei Typ-2-Diabetikern, die dann oft besser mit ihrer Blutzuckereinstellung klar kommen." Low-carb heißt freilich nicht No-carb: "Ein Kohlenhydratanteil von 30 Prozent oder 150 g pro Tag ist die Untergrenze." Werde als Ausgleich der Fettanteil erhöht, dann sollten vor allem ungesättigte Fettsäuren zu sich genommen werden.

Auch die Paläo-Diät hält Hauner für einen im Prinzip gangbaren Weg zu einer gesünderen Ernährung bei Adipositas, sofern darunter eine Ernährung mit viel Obst und Gemüse und eher viel, aber magerem Fleisch verstanden werde. Auf Getreide, Milch und verarbeitete Lebensmittel wird bei dieser Ernährungsform verzichtet, weil es all das in der Steinzeit nicht gab. "Letztlich ist Paläo das, was früher HollywoodDiät genannt wurde", so Hauner.

Eher kritisch sieht er rein vegane Ernährungskonzepte, insbesondere wenn von Ersatzprodukten Gebrauch gemacht wird. Diese seien teilweise hoch künstlich und schadstoffbelastet. Zu achten sei in jedem Fall auf adäquate Supplementierung mit Vitamin B12. Insgesamt sieht Hauner die Gefahr, dass Ernährungskonzepte zu Ersatzreligionen werden, die letztlich zulasten der Vielseitigkeit gehen und damit ungesund werden. Umgekehrt seien aber viele propagierte Ernährungsformen letztlich gesünder als die von hochkalorischen Fertigprodukten dominierte Standardernährung.

Was den DGIM-Experten in Deutschland fehlt, ist das Problembewusstsein: "Adipositas braucht als chronische Erkrankung eine lebenslange Betreuung. Aber das wird nicht so gesehen", sagte DGIM-Vorsitzende Professor Petra-Maria Schumm-Draeger, München. Besonders der Gemeinsame Bundesausschuss stelle sich quer, um zu verhindern, dass plötzlich 15 Millionen Adipöse Anspruch auf GKV-Leistungen hätten. In anderen Ländern sei diese Diagnose dagegen anerkannter, sodass Patienten auch dann Anspruch auf Behandlung haben, wenn keine Folgeerkrankungen vorliegen.

[11.02.2017, 10:27:42]
Wolfgang P. Bayerl 
Bravo Herr Prof. Hauner,
endlicht stimmt die Richtung, auch wenn Sie kein Arzt sind.
nach meiner Erfahrung (mit Patienten) reichen schon weniger als 50% KH,
das ist gar nicht so einfach wie es klingt, wenn man das mal konkret für die Küche umrechnet.
Und dafür muss auch der Eiweißgehalt deutlich erhöht werden, immer noch zu sehr tabuisiert, sonst wird es zu fettig!
Paleo ist eigentlich weniger Ideologie als ein sehr lehrreiches Schlagwort,
das zu recht daran erinnert, das die heutige zivilisatorische "KH-Schlagseite" UNGESUND ist.
Ich empfehle hier für den Interessierten immer eine Recherche zum Stichwort "neolithische Revolution".
Vor der Sesshaftigkeit war der Mensch tatsächlich organisch gesünder.

Dass alle Übergewichtigen in Dauertherapie gehören ist allerdings arg übertrieben. zum Beitrag »
[10.02.2017, 10:14:33]
Karl-Otmar Stenger 
Weniger Kohlenhydrate
Auch wenn Hauner und Scumm-Draeger als DGIM-Experten gelten, muss man ihnen nicht alles glauben. Richtig ist der Hinweis, dass der Gemeinsame Bundesausschuss das Leid der krankhaft adipösen Menschen in unserer Gesellschaft ignoriert. Die Konzepte zur Vorbeugung sind jedoch weitgehend mit den veralteten Vorstellungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung identisch: Viel Obst, fettarmes Fleisch, vorwiegend ungesättigte Fettsäuren haben sich inzwischen als kontraproduktiv bzw. als wissenschaftlich nicht haltbar hinsichtlich der Vermeidung von Fettleibigkeit erwiesen. Richtig ist, die vielen Fertigprodukte aufs Korn zu nehmen. Dazu muss wieder eine angemessene Pausenkultur in unseren Arbeitsalltag Einzug halten. Vielleicht hilft eine Sonderabgabe "gegen das Verfetten" auf alle Fertigprodukte und gezuckerten Getränke. zum Beitrag »
[10.02.2017, 07:43:17]
Steffen Jurisch 
Super Artikel...
wenn man sich die Menschen mit Adipositas und deren Folgekrankheiten weiterhin sicher will, es wäre ja auch super dumm, wenn man den Ast auf dem man sitzt absägen würde, die sprudelnde Quelle austrocknen würde.
Tausende von chronisch kranken Menschen haben bereits ihre Krankheiten beenden können durch die Umstellung auf eine rein pflanzen-basierte, fettarme Ernährung. Es gibt wissenschaftliche Studien zu Haufe die die Vorteile dieser Ernährungsform verdeutlichen... aber klar, wenn Adipositas und Co. erfolgreich eingedämmt würde, dann könnte man ja nicht so schöne Konferenzen mehr veranstalten, wo man seine Wichtigkeit heraus streichen kann, durch wissenschaftlich angehauchtes gefasel. Schade für die Menschen die weiterhin leiden und einen frühen Tod hinnehmen müssen - es sei denn, sie umgehen diese Ratschläge und informieren sich selbst bei Leuten, die kein finanzielles Interesse an ihrer Krankheit haben! zum Beitrag »

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