Ärzte Zeitung, 01.07.2008

Raupenhaare lösen Kontakturtikaria aus

Verbreitung besonders in Baden-Württemberg, Franken und Hessen / Duschen mit Kopfwäsche entfernt die Haare

TÜBINGEN (ner). Die Haare der Eichenprozessionsspinner-Raupe lösen multiple urtikarielle Plaques aus. Seit 2003 muss in Deutschland vermehrt mit solchen Reaktionen gerechnet werden, vor allem nach Aufenthalten in Wäldern mit Eichen oder Hainbuchen.

Eichenprozessionsspinner-Raupen hängen am Zweig einer Eiche. Ihre Haare enthalten Thaumetopoein, das beim Abbrechen der Haare in die Haut dringt.

Foto: dpa

Kollegen von der Universitätshautklinik in Tübingen beschreiben den Fall eines 13-jährigen Jungen, der seinem Vater beim Spalten von Buchenholz geholfen hatte. Einige Stunden später kam es zu einem stark juckenden Hautausschlag am Oberkörper. Die Behandlung mit Dimetindenmaleat besserte die Symptome nicht, berichten Dr. Sigrid Broekaert und ihre Kollegen (Monatsschr Kinderheilk 2, 2008, 107).

Bei der Vorstellung in der Hautklinik sah man lineare, teilweise bizarr konfigurierte, erythematöse urtikarielle Plaques am Oberkörper. Die Hautbiopsie ergab eine unspezifische urtikarielle Reaktion.

Offensichtlich sei die Reaktion durch die Brennhaare des Eichenprozessionsspinners ausgelöst worden, so Broekaert. Dadurch wird Histamin freigesetzt. In einigen Fällen wurden jedoch auch IgE-vermittelte Typ-1-Reaktionen gefunden worden. Die Haare können bis zu 200 m weit fliegen und sich im Unterholz ablagern. Sie bleiben über mehrere Jahre giftig. Das heißt, die Gefahr einer Kontakturtikaria besteht auch über die Raupenzeit von Mai bis Ende Juli hinaus.

Seit 2003 breitet sich die in Süd- und Mitteleuropa heimische Eichenprozessionsspinner-Raupe von den Niederlanden und Belgien kommend am linken Niederrhein mit einer Geschwindigkeit von etwa 20 bis 30 km pro Jahr aus. Seit dem Sommer 2005 kommt sie im Süden Deutschlands vor, besonders in Baden-Württemberg. Auch in Franken und Hessen seien gehäuft Kontakturtikaria-Fälle beschrieben worden, so Broekaert.

Als Sofortmaßnahme hilft unverzügliches Duschen mit Kopfwäsche, um die Haare zu entfernen. Kratzen sollte vermieden werden, da die Haare dadurch noch tiefer in die Haut dringen. Die Behandlung erfolgt symptomatisch mit kortisonhaltigen Externa, etwa einer Schüttelmixtur mit Triamcinolonazetonid, sowie mit systemischen Antihistaminika (Dimetindentropfen).

Mit dieser Therapie wurde der 13-jährige Junge innerhalb von zwei Wochen wieder gesund. Bei Augenbeteiligung muss ein Augenarzt konsultiert werden, bei Beteiligung des Respirationstraktes sind inhalative Betamimetika und inhalative Kortikoide erforderlich. Anaphylaktische Reaktionen sind nach Angaben der Tübinger Dermatologen selten.

STICHWORT

Eichenprozessionsspinner

Von Mai bis Juli sind auf Eichen wahre Prozessionen zu sehen. Von ihren Sammelplätzen oder gut getarnten Nestern aus begeben sich die 5 cm langen, grauen Raupen auf Nahrungssuche in die Astspitzen. Dieser Marsch gab den Insekten ihren Namen: Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processinea). Ab dem dritten von sechs Stadien bilden sie kleine Härchen, die Harpunenspitzen ähneln und winzige Ampullen mit dem Toxin Thaumetopoein tragen, eine Waffe gegen Feinde. Die Motten, die sich Monate später aus den Larven entwickeln, sind unscheinbar und leben nur wenige Tage. (eb)

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