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Histaminintoleranz

Krankheit oder nur Einbildung?

Forscher zweifeln an der Existenz der Histaminintoleranz als Krankheit. Es gibt aber viele glaubwürdige Betroffene.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Zu einer histaminreichen Kost zählen Salami und Rotwein.

Zu einer histaminreichen Kost zählen Salami und Rotwein.

© imago / blickwinkel

HAMBURG. Diarrhö, Blähbauch, Kopfweh, Herzrhythmusstörungen: Es gibt kaum ein Symptom, das der Histaminintoleranz noch nicht zugeschrieben wurde.

Die im Internet kursierenden Symptomlisten sind fast so lang wie Telefonbücher. Aber: Gibt es so etwas wie eine Unverträglichkeit des an sich körpereigenen Stoffs wirklich?

"Die Frage ist ausgesprochen schwer zu beantworten", sagte Professor Stephan Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin und Prävention an der Universität Hohenheim. Werde allein die wissenschaftliche Literatur zugrunde gelegt, dann gebe es gute Gründe, das Krankheitsbild als Ganzes infrage zu stellen.

"Aber als Arzt möchte ich auch nicht all jenen Unrecht tun, die sich damit intensiv beschäftigen und die teilweise über absolut glaubwürdige Expositions-, Auslass- und Reexpositionsversuche berichten."

Wohl Probleme beim Histamin-Abbau

In dieser etwas unbefriedigenden Situation präsentierte Bischoff in Hamburg bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) eine Arbeitsdefinition, mit der ein Arzt vorläufig hantieren kann: Histaminunverträglichkeit wäre demnach eine individuelle Unverträglichkeit gegenüber subtoxischen Mengen an oral aufgenommenem Histamin.

Dass große Mengen Histamin toxisch sind, ist unbestritten. Mengen über etwa 100 mg können schwere Reaktionen auslösen, die einer Anaphylaxie ähneln. Die "Verträglichkeitsgrenze" wird meist mit etwa 10 mg angegeben. Daten dafür gibt es nicht.

Wie häufig eine so verstandene Histaminintoleranz ist, kann derzeit ebenfalls nicht seriös angegeben werden. "Es gibt Studien aus Österreich, die von 1 bis 2 Prozent reden", so Bischoff. Er hält die zugrunde liegenden Populationen aber für zu klein, um wirklich belastbare Aussagen zu machen.

Zum Mechanismus einer möglichen Histaminunverträglichkeit existiert zumindest eine Hypothese. Demnach handelt es sich um ein Problem beim Abbau des Histamins.

Dieser Abbau geschieht unter physiologischen Bedingungen durch mehrere Enzyme, darunter die Monoaminoxidase (MAO) und die Diaminoxidase (DAO). Auch bakterielle Acetylasen und die M-Methyl-Transferase sind beteiligt, ferner die Vitamine C und B6.

Die Hypothese ist, dass der Abbau von oral aufgenommenem Histamin durch Probleme dieses Abbauweges an unbekannter Stelle nicht so zügig passiert, wie das eigentlich der Fall sein sollte.

Fisch nicht pauschal histaminreich

Therapiestudien, die darauf basieren, gibt es einige wenige. In einer dieser Studien sollte eine Histaminunverträglichkeit durch Applikation von 75 mg Histamin, aufgelöst in Tee, hervorgerufen werden.

"Die Studie brachte inhomogene Ergebnisse. Die Einnahme des Enzyms DAO brachte allerdings tatsächlich eine Besserung", so Bischoff.

Damit wäre DAO also zumindest ein möglicher pharmakologischer Ansatz. Die DAO-Aktivität lässt sich mit einem Immunoassay auch bestimmen. Durch Studien abgesichert ist diese Strategie nicht. "Ich würde mich da schon mit einer C-Empfehlung schwer tun", so Bischoff.

Wer nicht gleich zum Enzymersatz greifen möchte, kann natürlich therapeutisch auch mit den bei anderen Nahrungsmittelunverträglichkeiten bewährten Ansätzen beginnen. Histaminreiche Produkte können gemieden werden. Das sind etwa Rotwein, reifer Käse, Schokolade und Salami.

Der oft erwähnte Fisch sei dagegen nicht pauschal histaminreich, so Bischoff. In frischem Fisch sei so gut wie gar kein Histamin enthalten. Erst nach ein bis zwei Tagen nehme die Konzentration deutlich zu.

Wem die Abbau-Hypothese zum pathogenetischen Mechanismus der Histaminunverträglichkeit plausibel erscheint, der kann auch von einigen Medikamenten abraten, bei denen bekannt ist, dass sie die DAO-Aktivität hemmen.

ACC, Amitryptilin, MCP, Propafenon und Verapamil gehören in diese Kategorie. Schließlich sind neben der Enzymtherapie auch ganz klassische Antihistaminika Kandidaten für einen Therapieversuch. Belegt ist das alles nicht. Und dafür zugelassen sind die Mittel auch nicht.

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