Ärzte Zeitung online, 09.08.2013

Allergien

Warum Eltern Schnullis doch ablecken sollten

Eltern sollen Schnuller nicht in den Mund nehmen: Diese alte Weisheit bringen schwedische Forscher nun ins Wanken. Sie haben den Zusammenhang zwischen der Methode, Schnuller zu reinigen, und dem Auftreten von Allergien bei Kleinkindern untersucht - mit überraschendem Ergebnis.

Von Christine Starostzik

Warum Eltern Schnullis doch ablecken sollten

Die Art, wie ein Schnuller gereinigt wird, beeinflusst das Allergie- und Sensibilisierungsrisiko.

© Kurhan / fotolia.com

GÖTEBORG. Bevor das Baby den Schnuller bekommt, nehmen ihn Mama oder Papa schnell nochmal in den Mund. Diese "Schnellreinigungsmethode" mobilisiert möglicherweise das Immunsystem der Jüngsten.

Die Kinder haben einer schwedischen Studie zufolge seltener Asthma oder Ekzeme und entwickeln eine andere Mundflora als Kinder mit ausschließlich wassergereinigtem Schnuller (Pediatrics 2013, online 6. Mai).

Die schwedische Geburtskohortenstudie mit 184 Kindern liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass das kindliche Immunsystem offenbar Herausforderungen braucht, um adäquat zu funktionieren. Im Alter von 18 und 36 Monaten wurden Kinder, deren Eltern verschiedene Methoden zur Schnullerreinigung praktizierten, auf Ekzeme.

Asthmasymptome und Sensibilisierungen (spezifische IgE-Antikörper gegen Inhalationsantigene) hin untersucht. Zudem wurde die Zusammensetzung der kindlichen Mundflora im Alter von vier Monaten analysiert.

Bei 80 Prozent der Kinder war mindestens ein Elternteil allergisch vorbelastet. Rund drei Viertel nahmen in den ersten sechs Lebensmonaten einen Schnuller. Meist wurde dieser unter fließendem Leitungswasser gereinigt, etwa bei jedem zweiten Kind zusätzlich ausgekocht.

Zudem berichtete fast jedes zweite Elternpaar darüber, den Schnuller zu Reinigungszwecken selbst in den Mund zu nehmen, bevor ihn das Kind erhalte.

Prävention durch elterliche Oralkeime?

Im Alter von 18 Monaten hatten 25 Prozent der Kinder ein Ekzem und 5 Prozent Asthmasymptome entwickelt. 15 Prozent waren gegenüber Nahrungsmittelallergenen sensibilisiert.

Ob die Kinder generell einen Schnuller nahmen oder nicht, hatte keinen signifikanten Einfluss auf das Allergie- oder Sensibilisierungsrisiko. Entscheidend waren dagegen die Hygienegewohnheiten der Eltern.

Die 64 Kinder, deren Eltern den Schnuller in den Mund nahmen, um diesen zu "reinigen", bevor sie ihn ihrem Kind gaben, hatten im Alter von 18 Monaten seltener Asthma (Odds Ratio, OR 0,12), weniger Ekzeme (OR 0,37) und weniger Sensibilisierungen (OR 0,37) als die 58 Kinder, deren Eltern ausschließlich andere Schnullerreinigungstechniken wie Abspülen unter fließendem Wasser oder Auskochen bevorzugten.

Auch im Alter von 36 Monaten wurde bei Kindern von "Schnullereltern" noch eine geringere Ekzemrate beobachtet.

Auch die Art der Geburt ist von Bedeutung

Wurde die Art der Geburt mit berücksichtigt, ergab sich zudem der Hinweis auf einen additiven Schutzeffekt. So fand sich die niedrigste Ekzemrate bei vaginal geborenen Kindern, deren Eltern den Schnuller in den Mund nahmen (20 Prozent).

Kinder, die (wegen einer Sectio) weder der Vaginalflora der Mutter noch der Oralflora der Eltern (durch den Schnuller) ausgesetzt waren, hatten dagegen mit 54 Prozent die höchste Ekzemrate. Bei denen, die zumindest mit einer Art dieser natürlichen Mikroorganismen konfrontiert worden waren, lag die Prävalenz bei 31 Prozent.

Der Vergleich der mikrobiologischen Analysen ergab, dass die Mikroorganismen, die über den Schnuller auf das Kind übertragen werden, Einfluss auf die Entwicklung der kindlichen Mundflora haben.

Möglicherweise, so die Autoren, stimulieren sie das Immunsystem. Dies könnte dem Allergierisiko entgegenwirken, wie dies auch für die Darmflora diskutiert wird.

Eine weitere Absicherung ihrer Ergebnisse erwarten sich die Autoren durch umfangreichere Studien sowie von einem Follow-up der Kohorte, in dem unter anderem weitere Asthmaparameter mitberücksichtigt werden sollen.

[12.08.2013, 12:49:38]
Dr. Wolfram Hartmann 
Herpes Risiko ist zu hoch
Da viele Eltern persistierende Herpesinfektionen an den Lippen und im Mund haben, ist diese Empfehlung der oralen Immunstimulation von Neugeborenen mit noch unreifem Immunsystem aus Sicht der Kinder- und Jugendärzte obsolet und sollte zumindest in den ersten 4 Lebensmonaten nicht praktiziert werden. leider ein Neugeborenes unter einer anfangs vielfach noch unbekannten Immunmangelerkrankung, kann eine auf diesem Weg erworbene Herpesinfektionen generalisieren und tödlich verlaufen.
Wenn die Säuglinge älter sind und eine angebörene Störung des Immunsystems ausgeschlossen ist, besteht diese Gefahr nicht mehr. zum Beitrag »
[09.08.2013, 21:16:34]
Peter-Hansen Volkmann 
Impfung im Vaginalkanal logisch - Bakterienaustausch durch Sekretaustausch biologisch optimal
In den 80-er Jahren habe ich die "erste Impfung" im Vaginalkanal unter der Geburt in der CAU Frauenklinik Kiel diskutiert und stieß auf allgemeines Unverständnis. Unsere allgemeine Hygienehysterie ist oft nur pathologisch und fördert Infektionen - zu Hause wie vielfach in der Klinik!
Damals glaubte unser Gastroenterologie-Professor auch noch, dass der Dünndarm steril sei und das Kolon "von aboral" besiedelt würde....
Meinen Patienten erkläre ich seit mehr als 20 Jahren, dass Neurodermitis Ausdruck einer Infektionserkrankung des Magen-Darmtraktes sei und dass die gleichen Infektionen ursächlich für Nahrungsmittel-Intoleranzen wie auch für viele Allergien stünden. Gestörter Darm führt zu gestörter Verdauung und Resorption. Dass dann logischerweise Vitamine, Spurenelemente usw. im Körper fehlen, kann aber nicht sein, "denn wir ernähren uns heute so gut wie noch nie in der Menschheitsgeschichte!" sagt unter anderem Udo Pollmer als Ernährungswissenschaftler!
Krankheitsauslöser sind oft Fast Food und massenhafter "Genuss" von E-Stoffen in Cola, Schokolade oder aromatisierten und technisch überarbeiteten Nahrungsmitteln. Diese führen bei Anfälligen ggf. auch zum Crohn oder zur Colitis, die ebenso ernährungsbedingte Infektionskrankheiten darstellen. - Interessanterweise gibt es bei diesen schwerwiegenden Darmerkrankungen inzwischen Therapieversuche mit Stuhlübertragungen von Gesunden. - Guten Appetit!
Leider wird in der Medizin immer noch vorwiegend in Fachgebieten gedacht, geforscht und nach State of the Art therapiert - ohne Rücksicht auf logische Zusammenhänge, die oft durch einfaches Nachdenken zu erschließen sind.
Ob Schnuller dem eigenen Daumen unterlegen sind, ist leider in der Studie nicht untersucht worden.
Seit Jahrzehnten empfehle ich den Daumen oder eigene Finger zum Nuckeln - und habe damit bisher in keinem Fall einen Überbiss gesehen, der ja mit dem Schnuller vermieden werden soll.
Einzelne Schnullerkinder jedoch entwickeln Bissprobleme - wohl aufgrund der heute gern zitierten Genetik.
Über die Schnuller-Weichmacher der letzten Dekaden denkt kaum noch jemand nach, obwohl diese Gifte lange im Körper bleiben und sowohl im Nervensystem wie auch im Hormonsystem bleibende Spuren hinterlassen können. zum Beitrag »

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