Ärzte Zeitung, 30.03.2015

Neue Leitlinien

Stillen schützt vor Allergien

Die S3-Leitlinie "Allergieprävention" ist überarbeitet worden. Dabei wurden bestehende Empfehlungen weiter gestützt, bisherige revidiert und neue Stellungnahmen verabschiedet.

Von Prof. Dr. Torsten Schäfer

Stillen schützt vor Allergien

Gelebte Allergieprävention: Stillen. Daran hat sich auch in den neuen Leitlinien kaum etwas geändert.

© Albert Fedchenko / photos.com plus

NEU-ISENBURG. Im Rahmen der Überarbeitung der S3-Leitlinie "Allergieprävention" (Schäfer T et al. 2014) wurden bestehende Empfehlungen weiter gestützt, bisherige Empfehlungen revidiert und neue Empfehlungen und Stellungnahmen verabschiedet.

Die Empfehlung zum Stillen in den ersten 4 Lebensmonaten wurde beibehalten und nur die Formulierung des "ausschließlichen" Stillens in "voll" Stillen, als die lebensnähere Form geändert, da sie die Gabe von anderen Flüssigkeiten und Medikamenten zulässt.

Die Auffassung, dass durch längeres insbesondere ausschließliches Stillen die präventiven Effekte verstärkt würden, ist im Hinblick auf die Allergieprävention nicht evidenzbasiert.

Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass eine Beikosteinführung ab Beginn des 5. Lebensmonats mit einer geförderten Toleranzentwicklung assoziiert ist.

Aus Gründen der Allergieprävention ist daher eine Verzögerung der Beikosteinführung über den Beginn des 5. Lebensmonats hinaus nicht sinnvoll.

Fisch im Rahmen von Beikost

Für Risikokinder wird weiterhin ersatzweise für die ersten 4 Lebensmonate eine Hydrolysatnahrung empfohlen, wenn nicht gestillt oder teilgestillt wird. Für soja-basierte Säuglingsnahrungen fehlt weiterhin der Hinweis auf einen präventiven Effekt.

In einer Stellungnahme wurde den Beobachtungen Rechnung getragen, dass der Konsum von Gemüse und Früchten, einer sogenannten mediterranen Kost, von langkettigen -3 Fettsäuren bzw. einem günstigen Verhältnis von -3 zu -6 Fettsäuren sowie Milchfett mit einer geringeren Allergieprävalenz assoziiert.

Die Empfehlung, keine vorbeugenden diätetischen Restriktionen (Meidung potenter Nahrungsmittelallergene) durchzuführen wurde aufgrund weiterer unterstützender Hinweise beibehalten.

Für einen protektiven Effekt durch einen frühzeitigen Fischkonsum gibt es weitere Belege, so dass an der Empfehlung zur Einführung von Fisch im Rahmen der Beikost festgehalten wird.

Übergewicht als Risikofaktor

Die Empfehlung, dass bei Kindern Übergewicht/Fettleibigkeit auch aus Gründen der Allergieprävention vermieden werden soll, wird durch die aktuelle Studienlage weiter gestützt.

Die Studienlage bezüglich Vitamin D Spiegeln beziehungsweise Vitamin D Supplementierung und allergischen Erkrankungen ist widersprüchlich. Eine deutsche Untersuchung zeigte auch eine höhere Ekzemprävalenz bei hohen Vitamin D Spiegeln.

Die Gabe von Probiotika zur Allergieprävention wird in Deutschland weiterhin kontrovers diskutiert. Aktuelle Metaanalysen zeigen eine signifikante Reduktion des Ekzemrisikos um 21 Prozent, allerdings mit deutlichen Unterschieden zwischen den verwendeten Präparaten/Bakterienstämmen.

Für Präbiotika berichtet der aktuelle Cochrane Review eine signifikante Risikoreduktion für das atopische Ekzem um 32 Prozent.

Die Evidenzgrundlage ist mit vier ausgewerteten Studien allerdings relativ schwach und die Ergebnisse der Einzelstudien sind heterogen.

Die aktuelle Studienlage zur Haustierhaltung bestätigt im Wesentlichen die bisherigen Empfehlungen. Weiterhin werden diesbezüglich keine Einschränkungen für Nicht-Risikokinder empfohlen.

Hundehaltung ist nach aktuellen Metaanalysen mit einer signifikanten Risikoreduktion von 28% für das atopische Ekzem verbunden.

Einzelstudien bei Risikokindern z. B. mit einer loss of function-Mutation im Fillagringen zeigen ein deutlich erhöhtes Ekzemrisiko bei Katzenhaltung.

Es wird empfohlen, bei Risikokindern keine Katze anzuschaffen. Wenig verändert hat sich die Studienlage zur Reduktion des Hausstaubmilbenallergengehalts als primärpräventive Einzelmaßnahme. Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2009 zeigt keinen präventiven Effekt.

Hinsichtlich der Einflüsse durch Luftschadstoffe in Innen- und Außenräumen einschließlich der Tabakrauchexposition werden die bisherigen Empfehlungen durch die aktuelle Studienlage weiter gestützt. Auch die Empfehlung zur Impfung wurde beibehalten.

Die Stellungnahme zu den günstigen Effekten einer frühkindlichen unspezifischen Immunstimulation wurde im Wesentlichen beibehalten.

Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt eine signifikante Risikoreduktion um rund 30 Prozent für Asthma-Symptome durch das Aufwachsen auf einem Bauernhof.

Mehr Asthma nach Sectio

Eine neue Empfehlung wurde zum Kaiserschnitt verabschiedet. Dies trägt der Evidenzlage Rechnung, die ein erhöhtes Risiko insbesondere für Asthma bei Kindern zeigt, die durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen.

Vor dem Hintergrund, dass derzeit in Deutschland rund jedes dritte Kind durch Kaiserschnitt auf die Welt kommt, sollte dieser Umstand bei der Auswahl des Geburtsverfahrens berücksichtigt werden.

Zahlreiche Studien legen Assoziationen zwischen Medikamenteneinnahmen, insbesondere von Antibiotika und Paracetamol und atopischen Erkrankungen nahe.

Aufgrund potenziell verzerrender Einflussfaktoren (reverse causality) sind diese Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren.

Eine neue Stellungnahme wurde bezüglich psychosozialer Einflüsse verabschiedet. Eine wachsende Anzahl von Studien zeigt, dass das Erleben sogenannter schwerwiegender Lebensereignisse (Trennung der Eltern, Tod eines Elternteils etc.) sowohl in der Schwangerschaft als auch in der frühen Kindheit das Risiko für nachfolgende atopische Erkrankungen erhöht.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 19. März 2015 in der DGP-Kongresszeitung von Springer Medizin publiziert.

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