Ärzte Zeitung, 26.02.2004

INTERVIEW

Patienten mit hartnäckigem Asthma macht bisweilen eine Therapie gegen Reflux das Leben leichter

Vieles spricht dafür, daß gastroösophagealer Reflux Asthma-Symptome verstärken kann, etwa durch Reizung des Nervus Vagus. Sollten Asthma-Kranke deshalb Säurehemmer bekommen? "Zumindest bei unzureichendem Ansprechen auf die Asthma-Mittel kommt eine solche Therapie in Frage", sagt Professor Daniel Jaspersen vom Klinikum Fulda im Gespräch mit Marlinde Lehmann von der "Ärzte Zeitung".

Ärzte Zeitung: 55 bis 83 Prozent der Erwachsenen mit Asthma und 50 bis 63 Prozent der Kinder mit Asthma haben auch einen gastroösophagealen Reflux. Hat die eine Erkrankung etwas mit der anderen zu tun?

Professor Daniel Jaspersen: Sicher ist es auffällig, daß Asthma und Reflux häufig zusammen auftreten. Das reicht aber als Beleg für einen kausalen Zusammenhang natürlich nicht aus. Etwa als Beleg für die derzeit am meisten diskutierte Hypothese, daß nämlich Reflux Asthma-Anfälle verstärken und fördern kann.

Ärzte Zeitung: Ein solcher kausaler Zusammenhang ließe sich aber beweisen?

Jaspersen: Nur durch akribische Dokumentation, was leider nicht selten vernachlässigt wird! Nötig wären dafür 24-Stunden-pH-Metrien mit Ereignis-Protokollen, aus denen hervorgeht, daß Patienten dann Asthma-Anfälle bekommen, wenn der pH-Wert im Ösophagus fällt. Solche Daten gibt es aber bisher nur wenig, und so ist eben schwierig zu trennen, ob Reflux wirklich eine Ursache von Asthma ist, oder ob Reflux und Asthma einfach zwei Phänomene sind, die zufällig aufeinandertreffen.

Ärzte Zeitung: Spricht für einen kausalen Zusammenhang nicht auch die Beobachtung, daß eine gegen Reflux gerichtete Therapie, also die Behandlung mit einem Protonenpumpenhemmer, sich positiv auf das Asthma auswirkt?

Jaspersen: Das ist richtig, und die Probetherapie ist durchaus sinnvoll! Aber wenn man es streng wissenschaftlich betrachtet, dann ist auch das kein hundertprozentiger Beweis, daß Reflux zu Asthma führt.

Ärzte Zeitung: Welchen Nutzen hat eine Therapie mit Protonenpumpenhemmern bei Asthma und begleitendem Reflux denn genau?

Jaspersen: Immer wieder ist dokumentiert worden, daß sich damit Asthma-Symptome und Medikamentenverbrauch verringern lassen. Die Lungenfunktion selbst läßt sich damit offenbar aber nicht bessern. Jedenfalls nach den Veröffentlichungen, die es dazu bisher gibt.

Ärzte Zeitung: Bei welchen Asthma-Patienten sollte man denn eine mögliche PPI-Probetherapie diskutieren?

Jaspersen: Die PPI-Probetherapie ist dann eine Option, wenn man einen Anhalt dafür hat, daß Reflux beim Asthma-Geschehen eine Rolle spielt.

Sie kommt vor allem bei Patienten mit unzureichendem Effekt der konventionellen Asthma-Therapie in Frage, und zwar sicher dann, wenn gleichzeitig typische oder untypische Reflux-Symptome vorliegen. Das bedeutet auch, daß bei unzureichendem Effekt einer konventionellen Asthma-Therapie nicht nur auf typische Reflux-Symptome wie Sodbrennen und saures Außstoßen zu achten ist. Genauso muß etwa nach Thoraxschmerzen, Globusgefühl oder etwa Räusperzwang gefragt werden. Auch das sind ja alles Reflux-Symptome.

Sind bei unzureichendem Effekt einer konventionellen Asthma-Therapie einmal keine Reflux-Symptome zu eruieren, ziehe ich auch bei diesen Patienten eine PPI-Probetherapie in Erwägung, eventuell nach vorangehender pH-Metrie. Die Empfehlungen zum Vorgehen speziell bei diesen Patienten sind bisher aber nicht einheitlich.

Bei Patienten mit ausreichendem Ansprechen auf die Asthma-Medikation und Reflux-Symptomen dürfte es sich dagegen um zwei zufällig parallel auftretende Krankheitsbilder handeln. Die Reflux-Therapie wäre dann keine PPI-Probetherapie zur Beeinflussung des Asthma-Geschehens, sondern von sich aus wegen der Reflux-Symptome indiziert.

Ärzte Zeitung: US-Forscher haben in einer kleineren Studie den positiven Effekt einer gegen Reflux gerichteten Therapie auf den Asthma-Mittel-Verbrauch jetzt auch bei Kindern mit Asthma beobachtet. Würden Sie die Indikation zu einer probatorischen PPI-Therapie bei Kindern mit Asthma nach ähnlichen Kriterien stellen, wie Sie sie für Erwachsene definiert haben?

Jaspersen: Im Prinzip ja! Wobei natürlich zu berücksichtigen ist, daß im Gegensatz zu Erwachsenen Reflux bei Kindern ein eher seltenes Phänomen ist.

Auch bei Kindern mit Asthma macht es aber sicherlich Sinn, auf begleitende Reflux-Symptome zu achten oder bei unbefriedigenden Ergebnissen der konventionellen Asthma-Therapie auch einmal gezielt nach untypischen Asthma-Symptomen zu fragen. Bei begründetem Verdacht kommt sicherlich auch bei Kindern eine PPI-Probetherapie in Frage - auch aus dem Grund, daß bei Kindern, noch mehr als bei Erwachsenen, eine vorherige 24-pH-Metrie oft nicht praktikabel ist.

Kleine Kinder ziehen sich eine solche Sonde oft einfach raus. Natürlich sollte vor der Entscheidung zu einer probatorischen PPI-Therapie immer Kollegen-Rat von einem Pädiater eingeholt werden. Auch aus dem Grund, daß eine PPI-Probetherapie keine Sache von nur wenigen Tagen ist.

Ärzte Zeitung: Sondern ...?

Jaspersen: Beim Asthma wird eine dreimonatige PPI-Therapie empfohlen, diskutiert wird dabei auch eine Erhöhung der Standarddosis auf das Doppelte. Inwieweit sich diese Empfehlungen auf Kinder übertragen lassen, ist natürlich noch unklar - hier gibt es noch weniger Daten als für Erwachsene.

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