Ärzte Zeitung, 14.01.2008

INTERVIEW

"Beim Inhalieren von Asthma-Mitteln gibt es praktisch keine unvorstellbaren Fehler"

Nicht nur Dosieraerosole, sondern auch die angeblich einfacher zu bedienenden Pulverinhalatoren wenden Asthmatiker und COPD-Patienten häufig falsch an, wenn nicht ausreichend geschult wird. Nach einer Studie am Ortenau-Klinikum in Offenburg-Gengenbach benutzt im Praxisalltag jeder dritte Patient seinen Pulverinhalator falsch (JAMA 298, 2007, 2601). Eine stärkere Nutzung der von pharmazeutischen Unternehmen extra bereitgestellten Praxistrainer könnte die Situation bessern, meint Privatdozent Dr. Siegfried Wieshammer vom Klinikum im Gespräch mit Ingrid Kreutz von der "Ärzte Zeitung".

 "Beim Inhalieren von Asthma-Mitteln gibt es praktisch keine unvorstellbaren Fehler"

" Es sollte kein Patient, dem ein neuer Inhalator-Typ verordnet wurde, die Praxis ohne Schulung verlassen."

Zur Person
Privatdozent Dr. Siegfried Wieshammer ist als Chefarzt am Pneumologisch-Thoraxchirurgischen Zentrum des Ortenau-Klinikums in Offenburg-Gengenbach tätig.

Ärzte Zeitung: Moderne Pulverinhalatoren werden von Experten häufig als einfach zu bedienende Geräte empfohlen, die auch Kinder und ältere Menschen leicht anwenden können. Viele wissenschaftliche Studien, in denen Pulverinhalatoren eingesetzt wurden, brachten positive Ergebnisse. Was läuft in der täglichen Praxis schief?

Privatdozent Siegfried Wieshammer: In wissenschaftlichen Studien werden die Patienten meist intensiv geschult, so dass sie mit den Inhalatoren gut zurecht kommen. Im Praxisalltag wird die Fähigkeit der Patienten zur richtigen Handhabung von Pulverinhalatoren offenbar häufig überschätzt, so dass auf Schulungen verzichtet wird. Im Gegensatz zu den herkömmlichen handausgelösten Treibgas-Dosieraerosolen ist bei den Trockenpulverinhalatoren zwar keine Koordination zwischen dem Beginn der Einatmung und der Auslösung des Hubs erforderlich. Pulverinhalatoren sind meines Erachtens im Praxisalltag jedoch nicht weniger anfällig für Handhabungsfehler als Treibgas-Dosieraerosole.

Ärzte Zeitung: Was sind die häufigsten Fehler?

Wieshammer: Die Fehler sind gerätespezifisch. Es gibt praktisch keine unvorstellbaren Fehler. Wir sahen Patienten, die in den Inhalator geblasen haben. Es sollte daher kein Patient, dem ein neuer Inhalator-Typ verordnet wurde, die Praxis ohne Schulung verlassen. Das gilt auch für Pulverinhalatoren. Für jeden Patienten muss das individuell am besten geeignete Inhalationssystem ausgewählt werden.

Ärzte Zeitung: Wie findet man das am schnellsten heraus?

Wieshammer: Bevor man einen Inhalator verordnet, sollte man sich dessen Handhabung vom Patienten unter Verwendung entsprechender Trainingsgeräte vorführen lassen, nachdem man die Inhalationstechnik erläutert und den richtigen Umgang damit demonstriert hat. Kommt ein Patient mit dem System bereits in der Praxis nicht zurecht, ist es sinnvoll, auf einen anderen Inhalator-Typ zurückzugreifen. Es stehen qualitativ hochwertige Trainingsgeräte zur Verfügung, mit denen auch geprüft werden kann, ob der Inspirationsfluss beim jeweiligen Patienten ausreicht. Leider werden diese Geräte noch zu selten eingesetzt. Es ist bedauerlich, dass nach dem Ergebnis unserer Studie ein Drittel der Patienten keine Schulung erhält und nur auf den Beipackzettel verwiesen wird.

Ärzte Zeitung: Wie sollen es die niedergelassenen Kollegen schaffen, bei der Vielzahl der Inhalationssysteme diese selbst zu verstehen und richtig anwenden zu können?

Wieshammer: Grundvoraussetzung für eine effektive Patientenschulung ist, dass man sich selbst mit der Funktionsweise des betreffenden Inhalators intensiv vertraut gemacht hat. Daher ist es ratsam, sein Sortiment auf wenige Inhalator-Typen zu beschränken, mit denen man sich intensiv beschäftigen kann.

Ärzte Zeitung: Wie häufig und wie intensiv sollte geschult werden?

Wieshammer: Die Fehlerquote bei der Inhalation steigt mit dem Lebensalter und dem Schweregrad der Obstruktion. Besonders häufig sind essenzielle Handhabungsfehler bei älteren Menschen mit fortgeschrittener COPD. Bei diesen Patienten liegt neben dem altersbedingten Nachlassen der geistigen Fähigkeiten oft auch eine COPD-spezifische Verminderung der psychomotorischen Leistungsfähigkeit vor. Nicht selten verlernen sie die korrekte Inhalationstechnik im Laufe der Zeit wieder. Bei diesen Patienten sollte die Inhalationstechnik vor jeder Ausstellung eines Folgerezepts überprüft werden, um die Effektivität der Behandlung sicherzustellen. Regelmäßige Nachschulungen in der Inhalationstechnik mindestens einmal im Quartal sind auch bei Kindern unter zehn Jahren wichtig.

Ärzte Zeitung: Wie können Hausärzte Schulungen bei Asthma- und COPD-Patienten abrechnen?

Wieshammer: Dies ist im GKV- Bereich von Kasse zu Kasse und regional unterschiedlich und sollte bei der KV erfragt werden. Im privatärztlichen Bereich gibt es die Ziffer 20 (Beratungsgespräch in Gruppen von 4 bis 12 Teilnehmern mit Mindestdauer von 50 Minuten, GOÄ Punktzahl 120, GOÄ 1fach 9,99 Euro) und die Ziffer A36 (Strukturierte Schulung einer Einzelperson mit Mindestdauer von 20 Minuten, GOÄ Punktzahl 300, GOÄ 1fach 17,49 Euro).

DIE INHALATIONS-STUDIE IN KÜRZE

Es nahmen 224 ambulante Patienten an der Studie des Ortenau-Klinikums in Offenburg-Gengenbach teil, die den aktuellen Gebrauch mindestens eines Pulverinhalators angaben. Die Patienten wurden gefragt, wie sie mit der Handhabung vertraut gemacht worden waren und dann gebeten ihre Inhalationstechnik zu demonstrieren. Bei 80 der 249 Untersuchungen war die Inhalation ineffektiv. Nur 23 Prozent der zuvor geschulten Patienten machten essenzielle Handhabungsfehler, jedoch 52 Prozent der nicht geschulten Patienten. Die Fehlerquote stieg mit dem Lebensalter (20 Prozent bei den unter 60-jährigen versus 42 Prozent bei den Älteren) und mit dem Schweregrad der Obstruktion (25 Prozent bei normaler Lungenfunktion versus 64 Prozent bei schwergradiger Obstruktion). (ikr)

Zur Person

Privatdozent Dr. Siegfried Wieshammer ist als Chefarzt am Pneumologisch-Thoraxchirurgischen Zentrum des Ortenau-Klinikums in Offenburg-Gengenbach tätig.

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