Ärzte Zeitung, 30.11.2016

Herzinsuffizienz plus COPD

Häufig fehlt der Betablocker

Patienten mit Herzinsuffizienz und begleitender COPD sind offenbar häufig unterversorgt. Entgegen den offiziellen Empfehlungen wird ihnen nämlich der Betablocker oft vorenthalten, hat jetzt eine Studie in Großbritannien ergeben.

Von Beate Schumacher

Häufig fehlt der Betablocker

Schützen Betablocker vor COPD-Exazerbationen?

© CLIPAREA.com / Fotolia.com

DUNDEE. COPD und Herzinsuffizienz treten häufig gemeinsam auf. Laut der Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD) sind etwa 30 Prozent aller COPD-Patienten von der Pumpschwäche des Herzens betroffen. Für die Therapie der Herzerkrankung hat dies keine Konsequenzen, zumindest theoretisch nicht.

In der GOLD-Leitlinie heißt es dazu: "Eine Herzinsuffizienz sollte nach den üblichen Herzinsuffizienz-Leitlinien behandelt werden, weil es keine Evidenz gibt, dass eine Herzinsuffizienz bei Anwesenheit einer COPD anders behandelt werden sollte."

Daten aus über 500 Praxen

Die Empfehlungen gelten somit auch für die Anwendung von Betablockern, die – zusätzlich zur ACE-Hemmer-Therapie – wegen ihrer prognoseverbessernden Wirkung bei allen Patienten mit symptomatischer systolischer Herzinsuffizienz (Ejektionsfraktion < 40 Prozent) vorgesehen ist.

Die Praxis sieht allerdings anders aus. Vermutlich aus Angst, eine Bronchokonstriktion oder eine unerwünschte Interaktionen mit den inhalierten lang wirksamen Betamimetika zu erzeugen, verzichten viele Ärzte bei begleitender COPD auf die Betablockade.

Nach Daten aus Großbritannien wird die Wahrscheinlichkeit für die Verordnung eines Betablockers nahezu halbiert, wenn zur Herzinsuffizienz eine COPD hinzukommt (Heart 2016; 102: 1909).

Die Daten stammen aus der Optimum Patient Care Research Database, in die über 500 Praxen der Primärversorgung Daten von Patienten, darunter 10.853 mit Herzinsuffizienz und COPD und 24.237 nur mit Herzinsuffizienz, eingespeist haben.

Die komorbiden Patienten waren etwas älter als die ohne COPD (im Mittel 79 versus 78 Jahre), hatten häufiger zusätzlich eine Asthmadiagnose (32 versus 26 Prozent) – die eine Kontraindikation für Betablocker darstellt! – und litten öfter an einer schweren Herzinsuffizienz (NYHA-Stadium 3 oder 4: 37 versus 20 Prozent).

Von den Patienten mit Herzinsuffizienz plus COPD erhielten 44,8 Prozent nur einen ACE-Hemmer oder AT1-Antagonisten, 5,1 Prozent nur einen Betablocker und 22,3 Prozent einen Betablocker plus ACE-Hemmer/AT1-Antagonist.

Bei den Patienten mit alleiniger Herzschwäche beliefen sich die Anteile auf 27,1 Prozent, 8,1 Prozent und 41,3 Prozent. Auch wenn Unterschiede in den Patientencharakteristika wie Behandlungsjahr, Alter, Asthma und Herzinfarktanamnese berücksichtigt wurden, hatten Patienten mit begleitender COPD damit immer noch eine um 46 Prozent geringere Chance, einen Betablocker plus ACE-Hemmer/ AT1-Antagonist zu erhalten.

Unterversorgung bei NYHA 3/4

In beiden Gruppen, mit und ohne COPD, wurden für die Betablockade zu 90 Prozent kardioselektive Wirkstoffe eingesetzt. Jeder zehnte Patient bekam das nicht kardioselektive Carvedilol. Bei COPD-Patienten mit fortgeschrittener Herzschwäche war die Unterversorgung mit Betablockern sogar besonders ausgeprägt.

In den NYHA-Stadien 3 und 4 war die Verordnungswahrscheinlichkeit um 74 Prozent geringer als bei Herzinsuffizienz ohne COPD. Die Verordnungsraten waren außerdem bei jeder Intensität der inhalativen COPD-Therapie reduziert.

Die Studienautoren um Brian Lipworth von der Universität im schottischen Dundee betonen, dass es für diese Zurückhaltung in der Betablockertherapie keine Grundlage gibt. Laut einer Metaanalyse mit COPD-Patienten wird durch kardioselektive Betablocker – zugelassen sind Bisoprolol, Metoprolol und Nebivolol – weder die Einsekundenkapazität (FEV1) noch das Ansprechen auf Beta-2-Mimetika beeinträchtigt.

Darüber hinaus ist in einer Studie unter Betablockade sogar ein Rückgang von Exazerbationen der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung beobachtet worden. Randomisierte Studien zum möglichen Nutzen von Betablockern im Hinblick auf die COPD stehen bisher allerdings noch aus.

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