Forschung und Praxis, 16.06.2006

Wucherungen bei pulmonaler Hypertonie werden zurückgedrängt

Durch Zellproliferation verengen sich die Gefäße der Lunge auf einen Bruchteil

Typisch für die pulmonale Hypertonie ist eine Zellvermehrung, die in vielem dem Wachstum von Krebsgeschwulsten ähnelt. Beim Lungenhochdruck besteht das Anliegen der regenerativen Medizin darin, der Proliferation in den Gefäßwänden entgegenzuwirken. Das gelingt mit Vasodilatatoren, wohl weil sie die Scherkräfte des Blutes verringern. Außerdem hat sich ein Krebsmedikament als wirksam herausgestellt.

Dr. Ardeschir Ghofrani: Eine frühe Therapie bei pulmonaler Hypertonie beugt der Herzinsuffizienz vor. Foto: Actelion

Zu den Zielen der regenerativen Medizin gehört die Blockade von Umbauvorgängen, die ein Organ funktionsunfähig machen. So lassen sich bei Patienten mit chronischer pulmonaler Hypertonie (PH) die charakteristischen Wucherungen in den Lungengefäßen teilweise wieder rückgängig machen.

Das gelingt mit dem inhalierbaren Prostanoid Iloprost, dem oralen Endothelin-Rezeptorantagonisten Bosentan und dem ebenfalls oralen Phosphodiesterase-5-Hemmer Sildenafil als dafür schon zugelassenen Medikamenten. Außerdem hat sich in ersten klinischen Studien ein Krebsmedikament als wirksam erwiesen. Das hat Privatdozent Ardeschir Ghofrani von der Uni Gießen berichtet.

Typisch für die chronische pulmonale Hypertonie ist eine Zellvermehrung von Endothel, Intima und Media in den Gefäßen der Lungenstrombahn. Dadurch verengt sich das Lumen auf ein Zehntel bis ein Zwanzigstel seines ursprünglichen Durchmessers, so daß Druck und Widerstand in der pulmonalen Zirkulation steigen.

Wenn auch die biochemischen Angriffspunkte recht unterschiedlich sind, handelt es sich bei den zur Behandlung zugelassenen Medikamenten im wesentlichen um Vasodilatatoren. Zusätzlich drängen sie nach theoretischen und experimentellen Anhaltspunkten das Wachstum mehrerer Zellarten zurück, zum Beispiel von glatten Muskelzellen, Fibroblasten oder Endothelzellen. Dieser Effekt kommt vermutlich durch eine Verminderung der Scherkräfte im Blutstrom zustande.

Außerdem hat sich herausgestellt, daß eine wachstumshemmende Substanz, die in der Krebstherapie angewandt wird, der fortschreitenden Gewebswucherung entgegenwirkt: Bei Patienten, die wegen einer chronisch myeloischen Leukämie mit dem Zytostatikum Imatinib behandelt wurden, besserte sich eine begleitende PH deutlich.

Am Mount Everest in 5400 Meter Höhe erforschen Wissenschaftler der Universität Gießen die pulmonale Hypertonie: Mit der Doppler-Echokardiographie werden bei einem Probanden kardiologische Kontrollen gemacht. Der Sauerstoffmangel treibt hier den Blutdruck im Lungenkreislauf hoch - ideale Bedingungen, um den krankhaft bedingten Lungenhochdruck zu untersuchen. Foto: Ghofrani

Daraufhin wurden erste klinische Studien begonnen: Teilnehmer waren Patienten im Endstadium einer PH, bei denen Kombinationstherapien ausgereizt waren. Mit Imatinib sanken pulmonaler Druck und Widerstand, die körperliche Belastbarkeit nahm zu, und damit verringerte sich auch der NYHA-Schweregrad.

Das Tumormedikament Imatinib stammt aus der Familie der Tyrosinkinase-Hemmer. Die Tyrosinkinasen sind von zentraler Bedeutung für Entstehung und Verlauf vieler chronisch proliferativer Erkrankungen.

Tyrosinkinase-Hemmstoffe können den programmierten Zelltod wieder aktivieren, der sowohl bei Tumoren als auch bei der pulmonalen Hypertonie abgeschaltet ist. Zwischen beiden Krankheitsentitäten bestehen überraschende Zusammenhänge, zum Beispiel sind die molekularen Mechanismen der Zellvermehrung ähnlich. (ars)

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