Ärzte Zeitung, 07.02.2008

HINTERGRUND

Im Flieger gibt's nicht mehr Infekte als im Bus

Von Dietmar Schobel

 Im Flieger gibt's nicht mehr Infekte als im Bus

Verstärkte Angst vor Infektionen ist im Flugzeug unbegründet. Die Luft wird häufig ausgetauscht, Krankheitskeime werden herausgefiltert.

Foto: Ken Liu dpa

Manche medizinischen Mythen halten sich hartnäckig: zum Beispiel, dass beim Fliegen eine erhöhte Infektionsgefahr bestehe, weil die Klimaanlagen in Flugzeugen Krankheits-Erreger in der ganzen Kabine verteilen oder zu wenig Frischluft zuführten. "Diese Behauptung ist schlicht falsch", sagt Dr. Wolfgang Köstler, Chefarzt der österreichischen Flugsicherung Austrocontrol. Wahr ist vielmehr: Die extrem trockene Luft in der Kabine kann sich ungünstig auf vorhandene Atemwegs-infektionen auswirken.

"Das Infektionsrisiko beim Fliegen ist nicht höher als etwa in Bussen, U-Bahnen oder Zügen", sagt Köstler. Das bestätigen auch die US-Mediziner Dr. Alexandra Mangili und Dr. Mark Gendreau in einer Übersichtsarbeit im Fachblatt "Lancet" (365, 2005, 989).

Nach ihren Angaben gibt es keine Studie, nach der das Infektionsrisiko in Flugzeugkabinen höher ist als in anderen Massenverkehrsmitteln oder etwa auch in Büroräumen. Flugzeug-Ventilationssysteme sorgten 15 bis 20 Mal pro Stunde in der Kabine für einen Luftaustausch. Zum Vergleich: In vollklimatisierten Büroräumen werde die Luft im Mittel nur zwölf Mal pro Stunde erneuert.

Atemluft an Bord hat gleichen Sauerstoffanteil wie am Boden

Für ausreichend Frischluft, gleichmäßigen Druck und eine angenehme Temperatur in der Kabine zu sorgen, ist allerdings eine technische Herausforderung angesichts der dünnen Luft in einer Flughöhe von mehr als 10 000 Metern und wechselnden Bedingungen beim Steig- und Sinkflug. Die notwendige Frischluft wird dabei aus dem Kompressor der Triebwerke abgezweigt und der Umluft aus der Kabine zugemischt - meist im Verhältnis 50 zu 50. Nach Angaben der "Swiss Air" hat die Atemluft an Bord dann wie am Boden einen Sauerstoffanteil von etwa 20 Prozent.

"Die Umluft in Flugzeugkabinen wird zudem mit High-Tech-Filtern gereinigt", betont Köstler. In modernen Flugzeugen werden dazu HEPA-Filter (High Efficiency Particulate Absorbing) eingesetzt, die alle 6 bis 18 Monate ausgetauscht werden. Nahezu 99 Prozent der bis 0,3 µm großen Partikel bleiben im Filter hängen. Staub, Dämpfe, Pilze und Bakterien werden so mit hoher Zuverlässigkeit entfernt, so Mangili und Gendreau, ebenso virale Partikel, die tröpfchenweise verbreitet werden.

In einer Flugzeugkabine gibt es zudem nur eine geringe Luftströmung in Längsrichtung. Die Luft kommt jeweils im Bereich weniger Sitzreihen von oben und entweicht in Bodennähe wieder aus der Kabine. Schwebeteilchen werden also nicht im ganzen Flugzeug, sondern meist nur innerhalb einzelner Sektionen verbreitet.

Es gebe nur relativ wenige Berichte über Patienten, die sich während eines Fluges infiziert haben, berichten Mangili und Gendreau. Allerdings sei von einer Untererfassung auszugehen, etwa wenn lange Inkubationszeiten bestehen. Der Flugmediziner Köstler sieht zudem eine Gesundheitsgefahr durch die trockene Luft an Bord. Aus technischen Gründen kann in Flugzeugkabinen nämlich nur eine Luftfeuchtigkeit zwischen fünf und 16 Prozent erzielt werden - wesentlich weniger als die 40 bis 60 Prozent, bei denen sich Menschen am wohlsten fühlen.

"Die geringe Luftfeuchtigkeit ist für Menschen, die bereits verkühlt sind oder an grippalem Infekt leiden, eine zusätzliche Gesundheitsgefahr. Wenn die Schleimhäute geschwollen sind, ist an Bord oft kein angemessener Druckausgleich mehr möglich, und dieses Problem wird durch die trockene Luft noch verschärft", erklärt Köstler. Mögliche Folgen seien Mittelohrentzündungen, Nebenhöhlenprobleme oder auch Risse des Trommelfells und Einblutungen. "Wer bereits krank ist, sollte also auch aus diesem Grund keine Flugreise antreten", betont der Chefarzt der Austrocontrol.

Der Artikel basiert auf einem Beitrag in der "Ärzte Woche" aus Österreich (50, 2007,16).

STICHWORT

Flugtauglichkeit

"Ein Mensch ist flugtauglich, wenn er die Gangway eines Flugzeugs selbstständig ohne Luftnot hinaufkommt. Personen, die schon in Ruhe Beschwerden haben, sind fluguntauglich", so das Institut für medizinische Information in Freiburg. Es rät zudem von Flügen ab zum Beispiel bei:

- Bluthochdruck ab 200/120 mmHg,

- Operationen, etwa nach kleineren Eingriffen zehn Tage, nach Bypass-Op drei und nach Augen-Op vier Wochen sowie nach großen Eingriffen sechs Monate.

- Frauen im 9. Schwangerschaftsmonat; Frauen im 8. Monat brauchen eine ärztliche Bescheinigung.

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