Ärzte Zeitung, 08.05.2008

KOMMENTAR

Passivrauchen war noch nie freiwillig

Von Michael Hubert

In Ihrer Nase macht er sich bemerkbar - der Rauch der großen weiten Welt. Er stammt von dem Menschen zwei Meter neben Ihnen. Der hat sich grad eine Zigarette angesteckt, der Bus kommt ja erst in fünf Minuten. Sie stört der Rauch? Dann stellen Sie sich doch woanders hin. Oder Sie bleiben dort stehen - freiwillig!

Freiwilligkeit ist das Kernargument der Gegner von Antirauchergesetzen. Niemand sei gezwungen, in eine (Raucher-)kneipe zu gehen. Wirte müssten sich freiwillig zwischen Raucher- oder Nichtraucherkneipe entscheiden können. Der Staat mache eh zu viele Vorschriften. Und: Die Bürger seien mündig. Die Mündigkeit von Rauchern konnte jahrzehntelang begutachtet werden. Egal wo, immer wurde ein Glimmstängel entzündet. Alle Nichtraucher mussten das - ganz freiwillig - hinnehmen.

Diese Pseudofreiwilligkeit ist jetzt auch in Deutschland beendet. Die meisten Bundesländer haben jetzt Gesetze zum Schutz von Nichtrauchern. Deren Nutzen hat sich in Italien, Irland und auch Frankreich bereits gezeigt: Die Herzinfarktrate ging zurück. Und mehr Menschen beenden ihr Laster. Dass Rauchstopps kurzfristig nutzen, hat eine Studie jetzt eindrucksvoll bestätigt.

Doch in Deutschland gehen die Uhren anders. In Hessen soll der Nichtraucherschutz aufgeweicht werden, in Berlin wird er nicht durchgesetzt. Freiwilligkeit hat Jahrzehnte nicht geklappt. Jetzt müssen die Gesetze verschärft werden und nicht abgeschwächt.

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Rauchen aufgeben - das nutzt schnell der Gesundheit

[08.05.2008, 09:05:09]
Helge Knut Schumacher  helge.schumacher@uni-bielefeld.de
Verkehrte Welt
Ich kann dem Kommentar von M. Hubert nur zustimmen. Warum? Zunächst stehen verstärkte präventive Bemühungen erst seit kurzem für die gesamte Bevölkerung im Fokus der Gesundheitspolitik. Diese individuellen Anstrengungen werden aber zunichte gemacht, wenn man "freiwillig" weiterhin dem Rauch der Kollegen am Arbeitsplatz, an der Bushaltestelle oder im Cafe (ja es gibt nicht nur Kneipen!)ausgesetzt wird. Das kardiovaskuläre Risiko steigt trotz regelmäßigem Sport und Ernährungsumstellung. Es wäre Zeit für etwas mehr Toleranz gebenüber der "Minderheit" der Nichtraucher. Dies scheint in Deutschland besonders schwierig zu sein, da für jede noch so kleine Gruppe bzw. Eventualität Sonderregelungen nötig zu sein scheinen. Dies hat nichts mit Stigmatisierung zu tun, da jeder Raucher so viel rauchen kann wie er will, nur eben bitte nicht, wenn "Freiwillige" sich nicht entziehen können wie am Arbeitsplatz. Die Umsätze in der Gastronomie in Irland sind übrigens angestiegen seit Einführung des Nichtraucherschutzes, da die Nichtraucher dann wieder die Kneipen bevölkern, die vorher "freiwillig" wegblieben. In einem deutschen "Nichtumfallerbundesland" habe ich bereits wieder junge Mütter mit Kinderwagen in Cafes gesehen, seitdem dort nicht mehr geraucht wird. Wenn das kein Signal für unser geburtenschwaches Land ist, weiß ich nicht mehr für wen hierzulande eigentlich die Gesetze gemacht werden. Helge Schumacher, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld zum Beitrag »

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