Ärzte Zeitung, 03.07.2008

HINTERGRUND

Fitness schützt nicht vor Bergkrankheit - eine gute Prophylaxe ist ein langsamer Aufstieg

Von Ursula Armstrong

Es gibt keine verlässlichen Tests, die voraussagen können, ob jemand in Höhen über 4000 Meter an Bergkrankheit leiden wird. Fitness jedenfalls schützt nicht davor. Günstig ist ein langsamer Aufstieg. Es gibt aber offenbar eine Anfälligkeit für Bergkrankheit und Höhenlungenödem. Bergsteigern, die aus Erfahrung wissen, dass sie dafür anfällig sind, kann man allenfalls eine medikamentöse Prophylaxe empfehlen.

Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schlafstörungen - die Symptome einer akuten Bergkrankheit ähneln der einer Migräne. Sie manifestieren sich ab etwa 2500 Metern und treten in der Regel mit einer Latenzzeit von vier bis acht Stunden auf, meist nach der ersten Übernachtung auf einer neuen Höhe, berichtete Professor Peter Bärtsch auf einer Veranstaltung in Mainz. Meist verschwinden die Symptome nach ein bis zwei Tagen wieder, wenn ein Ruhetag eingehalten wird und nicht höher gestiegen wird. Sonst geht die Krankheit weiter. Es kommt zu Erbrechen und zerebralen Symptomen bis hin zum Höhenhirnödem.

 Fitness schützt nicht vor Bergkrankheit - eine gute Prophylaxe ist ein langsamer Aufstieg

Auf 2800 Metern Höhe hat die Hälfte der Bergsteiger Symptome der Bergkrankheit, auf 4500 Metern sind es schon 85 Prozent.

Foto: Rafael Ruiz©www.fotolia.de

In großer Höhe erwischt die akute Bergkrankheit fast jeden

Bärtsch, Ärztlicher Direktor der Abteilung Sportmedizin an der Uni Heidelberg, erforscht in den Schweizer Alpen in der Margharita-Hütte in über 4500 Metern Höhe die Auswirkungen großer Höhe. Er warnte, dass fast jeder Bergsteiger an akuter Bergkrankheit erkrankt. Auf 2800 Metern Höhe haben 50 Prozent der Bergsteiger keine Symptome, auf 4500 Metern sind es nur noch 15 Prozent.

Die Prävalenz der akuten Bergkrankheit hängt von der absoluten Höhe und von der individuellen Anfälligkeit ab. Doch auch Menschen, die anfällig sind für die akute Bergkrankheit, können sie vermeiden, indem sie langsam aufsteigen. Das ist die einzige sichere Prophylaxe. Empfohlen wird generell, in Höhen über 2000 bis 3000 Metern die Schlafhöhe im Durchschnitt um nicht mehr als 300 bis 500 Metern pro Tag zu erhöhen. In der reisemedizinischen Beratung vor einer Trekkingtour etwa müsse man außerdem klar machen, dass Fitness nicht vor der Bergkrankheit schützt. "Man kann noch so gut trainieren, das hilft zwar beim Besteigen hoher Berge, aber nicht gegen die Bergkrankheit."

Die Indikation für eine medikamentöse Prophylaxe sieht Bärtsch sehr eng. Nur Menschen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine akute Bergkrankheit bekommen werden, gibt er Acetazolamid (Diamox®), zweimal am Tag 50 mg, beginnend am Aufstiegstag oder am Tag davor. Dabei müssen die Bergsteiger auf eine Nebenwirkung aufmerksam gemacht werden: "90 Prozent haben einen gestörten Geschmack für Kohlensäure. Das heißt, man kann kein Bier und keine Cola trinken. Die haben einen ganz schalen Geschmack", sagte Bärtsch. Alternativen für Menschen, die Acetazolamid nicht vertragen, sind Dexamethason in der Dosierung dreimal 4 mg am Tag oder Prednison, dreimal 25 mg. Das sollte aber die Reservemedikation bleiben.

Wichtig für Trekkingtouren in große Höhen ist zudem die Vorakklimatisation in den Bergen. Wer dazu keine Zeit hat, kann sich auch zu Hause in Hypoxiezelten vorakklimatisieren.

Auch fürs Höhenlungenödem ist die Anfälligkeit individuell

Eine weitere Höhenkrankheit, das Höhenlungenödem, kann die Lunge auf Dauer schädigen. Sieben Prozent der Bergsteiger bekommen in Höhen über 4000 Metern ein Höhenlungenödem, weil der Luftdruck sinkt und die Luft daher weniger Sauerstoff enthält. Auch hierfür gibt es eine individuelle Anfälligkeit, wie Bärtsch in Studien festgestellt hat. Bergsteigen ist eine echte Passion. Und oft wollen Bergsteiger, die bereits ein Höhenlungenödem hatten, trotzdem wieder in die Berge. Auch ihnen sollte man ans Herz legen, langsam aufzusteigen. Außerdem eignet sich Nifedipin, dreimal 20 mg, zur Prophylaxe des Höhenlungenödems. "Tadalafil geht auch", so Bärtsch, "ist aber viel teurer." Diese Medikamente haben aber keinen Einfluss auf die akute Bergkrankheit. Sie sollten wirklich nur Bergsteigern mit Anfälligkeit für Höhenlungenödem gegeben werden.

Grundsätzlich gelte für den Aufenthalt in großen Höhen das Prinzip von Versuch und Irrtum, sagte der Sportmediziner. "Das Irrtumssignal sind die Symptome der Bergkrankheit." Menschen mit Bergkrankheit sollten auf keinen Fall weiter aufsteigen. Kranke Menschen sollten zudem nie allein gelassen werden. Bei schweren Symptomen sollten sie, auch wenn sie in einer Gruppe unterwegs sind, sofort auf dem Abstieg bestehen. Binnen weniger Stunden kann es sonst nämlich zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen. Beim Abstieg verschwinden die Symptome in kurzer Zeit meist völlig.

Tipps für den Kilimandscharo

Der Kilimandscharo in Tansania, ein fast 5900 Meter hoher schneebedeckter Berg direkt am Äquator, fasziniert viele Menschen. Der Aufstieg in vier Tagen gilt als einfach. Selbst unerfahrene Bergsteiger trauen sich das zu. Doch das Risiko ist hoch. Man müsse diesen Menschen in der Beratung vor der Tour klar machen, dass ein Großteil die Höhe nicht erreicht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine akute Bergkrankheit bekommen, liegt bei 70 Prozent, sagte Professor Peter Bärtsch von der Uniklinik Heidelberg auf dem Forum Impf- und Reisemedizin in Mainz. Treten Symptome auf, ist der weitere Aufstieg höchst riskant. Dann ist der Abstieg angezeigt. Wenn diese Warnung unerfahrene Bergsteiger nicht abschreckt und sie trotzdem auf dem Aufstieg bestehen, können sie Acetazolamid zur Prophylaxe nehmen: "Das garantiert aber nicht, dass sie raufkommen." Bärtsch empfiehlt außerdem, sich vorher zu Hause in einem Hypoxiezelt an die Höhe anzupassen. Und er beruhigt: "Der Kili ist ein einfacher Berg, von dem kommt man schnell wieder runter." (ug)

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