Ärzte Zeitung, 21.11.2011

Hintergrund

Neues System für Verteilung von Spenderlungen

Die Bundesärztekammer hat die Richtlinien für die Allokation von Spenderlungen novelliert: Der Lungenallokations-Score, der in den USA entwickelt wurde, berücksichtigt Erfolgsaussicht und Dringlichkeit. Die Wartezeit als Verteilungskriterium entfällt künftig.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Neues System für Verteilung von Spenderlungen

Wer erhält als Nächster eine gespendete Lunge? Die Zuteilung wird am 10. Dezember neu geregelt. Dabei wird die Wartezeit kein Kriterium mehr sein.

© dpa

Die Vorgabe des Transplantationsgesetzes, bei der Verteilung von Organen vor allem Erfolgsaussicht und Dringlichkeit zu berücksichtigen, kommt in der Praxis häufig dem Versuch einer Quadratur des Kreises gleich. Denn für viele Organe gilt: Je höher die Dringlichkeit, desto geringer ist die Erfolgsaussicht.

Wie also sollen diametrale Kriterien zueinander gewichtet werden? Und wie werden Dringlichkeit und Erfolgaussicht definiert? Die Bundesärztekammer (BÄK) hat sich in der Vergangenheit so weit wie möglich um Definitionen bemüht.

Die Dringlichkeit zum Beispiel wurde beschrieben als Schaden, der mit der Transplantation abgewendet werden kann. Der höchste Schaden ist der Tod des Patienten. Aber in welchem Zeitraum?

Grundlage ist jetzt der Lungenallokations-Score

Jetzt werden diese Parameter klar definiert. Der Lungenallokations-Score (LAS), in den USA entwickelt und dort seit 2005 angewandt, ermittelt Erfolgsaussicht und Dringlichkeit auf Basis von mehr als 20 medizinischen Parametern, dem Alter, der Größe und dem Körpergewicht.Daraus wirde die Überlebenswahrscheinlichkeit innerhalb eines Jahres mit und ohne Transplantat ermittelt. Es ergibt sich ein Wert zwischen 0 und 100.

Je höher der Wert, desto stärker profitiert nach diesem Modell der Patient von der Transplantation und umso weiter vorn steht er auf der Warteliste. Der Gesundheitsstatus wird bei einem LAS von 50 und mehr alle zwei Wochen erhoben, bei einem LAS darunter alle drei Monate.

Der Score wird ab dem 10. Dezember 2011 die Grundlage für die Verteilung von Lungen sein, wie die BÄK bekannt gemacht hat (Dt. Ärzteblatt 2011; 45; A2425-2441).

Lungenkranke können ihren Score selbst errechnen

"Das LAS-System objektiviert den jeweiligen Wartelistenstatus und sorgt auch für Transparenz, denn jeder Lungenkranke kann nun … über die Richtlinie seinen Score für sich errechnen", schreiben die Herz- und ThoraxtransplantationsmedizinerProfessor Martin Strüber von der Medizinischen Hochschule Hannover und Professor Hermann Reichenspurner vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf in einer Einführung zur neuen Richtlinie (Dt. Ärztebl. 2011; 45; A2424).

In den USA würden Spenderlungen mit Hilfe des LAS bei passender Größe und Blutgruppe an denjenigen Empfänger vermittelt, der durch die Transplantation den größten Überlebensvorteil, also den höchsten Benefit habe, so die beiden Experten.

Die Wartezeit der Patienten wird also als Kriterium künftig entfallen und auch der Status "dringlich" oder "hoch dringlich (urgency, high urgency, U/HU). Die Wartezeit, die bei Nieren und Herzen noch immer berücksichtigt wird, ist ein nicht-medizinisches Kriterium, und ihre jeweilige Gewichtung bei der Allokation wurde in der Vergangenheit immer wieder intensiv diskutiert.

Bei der Lungenallokation war die Wartezeit das wichtigste Kriterium innerhalb des jeweiligen Status, also innerhalb der Gruppen "hoch dringlich", "dringlich" oder "transplantabel", erläutert Dr. Axel Rahmel, Ärztlicher Direktor von Eurotransplant in Leiden. "Es kam in dem alten System vor, dass Patienten zum Zeitpunkt der Transplantation bereits zu krank waren, um diese zu überleben", sagt Rahmel. Das sollte vermieden werden.

Um Dringlichkeitsstatus wurde heftig debattiert

Aber auch der Dringlichkeitsstatus war Gegenstand anhaltender Debatten. So hatte sich der Anteil der für die Lungentransplantation dringlich oder hoch dringlich gemeldeten Patienten in den vergangenen zehn Jahren stetig erhöht.

Patientenverbände wie die Organisation Lungenemphysem/COPD. de und der Bundesverband der Organtransplantierten (BdO) hätten sich mehr Vorlaufzeit für die Vermittlung der neuen Richtlinien gegenüber Patienten gewünscht.

"Es kann sein, dass ein Patient, der seit Monaten stationär ist und auf das lebensrettende Organ wartet, nun eine geringere Chance hat, ein Transplantat zu erhalten, weil die Wartezeit nicht mehr berücksichtigt wird", sagt Jens Lingemann von Lungenemphysem/COPD.de.

Anrufe von verunsicherten Patienten

Auch Burkhard Tapp vom BdO hat viele Anrufe von verunsicherten Patienten: "Es fehlt an verständlicher Information." Fahmels Einschätzung: "Der LAS ist aus meiner Sicht gerechter als das frühere System, weil es für jeden einzelnen Patienten, der zwölf Jahre oder älter ist, den individuellen Vorteil abschätzt. Es macht keinen Sinn, für die Einführung eines besseren Systems längere Übergangsfristen zu schaffen."

Die neue Richtlinie ist abrufbar auf der Webseite der Bundesärztekammer
Die Patienteninformation auf deutsch zum Download steht auf der Webseite von Eurotransplant.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Paradigmenwechsel bei Organzuteilung

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