Ärzte Zeitung, 21.06.2011

Wieder Sehen nach 55 Jahren Blindheit

Als Kind traf ihn ein Stein am Auge, es erblindete. Als 63-jährigen brachten ihn starke Beschwerden in eine New Yorker Klinik. Die Ärzte fanden eine Serie von Schäden - und beseitigten sie in einer Serie von Operationen.

Wieder Sehen nach 55 Jahren Blindheit

Netzhautablösung: bei dem vorgestellten Patienten war eine solche Ablatio durch einen Steinwurf passiert.

© Prof. Dr. H. Busse, Universitätsklinikum Münster

NEW YORK (ars). Der Behandlungserfolg grenzt an ein Wunder, wenn auch ein reichlich verspätetes: US-Ärzte gaben einem Mann, der einseitig völlig blind war, das Augenlicht zurück.

Akute Beschwerden lieferten den Anstoß: Mit Schmerzen und starker Rötung der Augen stellte sich der 63-Jährige am New York Eye and Ear Infirmary vor.

Wie die Ophthalmologin Dr. Olusola Olawoye und ihre Kollegen bei der Untersuchung feststellten, hatte sich die vordere Kammer des rechten Auges mit Blut gefüllt, auch im Glaskörper gab es Einblutungen, die Hornhaut wies starke Schäden auf, der Augeninnendruck war durch ein sekundäres Glaukom deutlich erhöht: auf 60 mmHg.

Auf dem rechten Auge vollständig erblindet

Der Patient war auf dem rechten Auge vollständig blind. Er berichtete, mit acht Jahren sei er dort von einem Stein getroffen worden. Durch das Trauma löste sich die Netzhaut ab, sie mit Laser wieder anzuheften war damals noch nicht möglich.

Mehr noch: Mit 25 Jahren wurde ihm aus kosmetischen Gründen die Linse entfernt, so dass er von da an selbst Licht kaum wahrnehmen konnte. Weiterhin war er an Diabetes und KHK erkrankt.

Zu therapeutischem Nihilismus ließen sich die Ophthalmologen trotzdem nicht verleiten: Um die Schmerzen zu lindern, senkten sie zunächst den Augeninnendruck durch einen Einschnitt in die vordere Augenkammer (Parazentese), dann auch durch Tropfen mit mehreren Antiglaukomatosa.

Das Blut in der vorderen Glaskammer wuschen sie aus, wobei sie allerdings ausgedehnte Gefäßneubildungen in Netz- und Regenbogenhaut fanden. Gegen die Neovaskularisation verordneten sie Bevacizumab, und tatsächlich bildeten sich die pathologischen Gefäße durch zweimalige intravitreale Applikation restlos zurück. Der Antikörper blockiert den Wachstumsfaktor VEGF.

Netzhaut-Operation folgte

Danach war der Patient immerhin schon wieder imstande, Licht zu erkennen. Doch die Ärzte entdeckten außerdem, dass die Netzhaut weder Nekrosen noch Zysten aufwies, und schlugen ihm deshalb eine weitere Operation vor: Sie entfernten den Glaskörper und ersetzten ihn durch Silikonöl, beseitigten pathologische Membranen, saugten subretinales Blut ab und fixierten die Netzhaut mit Laser.

Anschließend war der Patient fähig, die Zahl von Fingern im Abstand von fünf Metern zu bestimmen. Der Visus blieb stabil, der intraokulare Druck hatte sich normalisiert: auf 10 bis 12 mmHg.

Nach Angaben der Augenärzte ist es der erste Bericht über eine erfolgreiche Retinopexie nach einem derart langen Zeitraum der Ablation (Journal of Medical Case Reports 2011; 5: 221).

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