HINTERGRUND

Qualitätsdefizite in der Altenpflege zeigen sich gerade am Beispiel der Demenzkranken besonders kraß

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:

STICHWORT

Demenzkranke

Rund eine Million Demenzkranke gibt es in Deutschland, sie werden in der Regel von Angehörigen zu Hause versorgt. 80 Prozent der Kranken bleiben in der Familie, sehr oft ist eine einzige Person für die Pflege zuständig. Die Folge: Angehörige sind extrem belastet - psychisch, physisch, oft aber auch finanziell. Die Zahl der Menschen, die Pflege zu Hause leisten können, wird in Zukunft drastisch abnehmen. In Deutschland werden immer weniger Kinder geboren, die als Erwachsene häusliche Pflege übernehmen könnten. Erforderlich ist deshalb der konsequente Ausbau der Altenpflege in Deutschland. Auf Dauer wird Heimpflege drastisch an Bedeutung gewinnen.

Die Defizite in der Altenpflege zeigen sich ganz besonders kraß bei Demenzkranken. Immer weniger Menschen können sich die hohen Kosten der Betreuung leisten. Und die Qualität in der Pflege läßt immer noch zu wünschen übrig. Am guten Willen fehlt es sicher nicht. Doch wo sind die Rezepte zur Umsetzung der bei Verbänden und Organisationen recht konkreten Vorstellungen von einer optimalen Pflege?

Eine Million Demenzkranke soll es in Deutschland geben. Bis zum Jahr 2040 verdoppelt sich diese Zahl, glaubt man Dr. Johannes Hallauer, Gesundheitssystemforscher an der Charité Berlin. Demenz sei die Hauptursache für die Inanspruchnahme stationärer Pflege, mindestens 60 Prozent der Pflegeheimbewohner seien demenzkrank, meist schon in fortgeschrittenem Stadium, sagte Hallauer bei einer Veranstaltung des Zukunftsforums Demenz, einer Initiative des Unternehmens Merz.

Heimkosten liegen zwischen 2000 und 3000 Euro im Monat

Die Zahl der betroffenen Menschen nimmt zu, die Bezahlbarkeit der Versorgung nimmt ab. So liegen die monatlichen Heimentgelte je nach Pflegestufe derzeit zwischen 2000 und 3000 Euro. Der Durchschnittsrentner bekommt heute aber nur 900 Euro pro Monat oder weniger.

Das Hauptproblem seien daher die Finanzen, konstatierte Ulrich Laschet, Bundesgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK. Denn die realen Renten sinken, und zwar nicht nur wegen der aktuellen Gesetzgebung und der Regelungen zur Pflegeversicherung, die die Rentner zusätzlich belasten.

So gibt es im Erwerbsleben vieler Menschen immer mehr Lücken. Die Erwerbstätigkeit verliere ihre Rolle als wichtigste Unterhaltsquelle, sagt Laschet. Nur noch für 40 Prozent der Deutschen sei das Erwerbseinkommen die wichtigste Unterhaltsquelle - vor zehn Jahren war es das noch für 45 Prozent der Deutschen. Der Anteil der Arbeitslosen und Vorruheständler steigt. Knapp vier Prozent der Bevölkerung leben in diesem Jahr überwiegend von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe (in den neuen Bundesländern und Berlin sind es neun Prozent), 23 Prozent der Bevölkerung leben von Renten und Pensionszahlungen. Vor allem Frauen sind abhängig von Leistungen, die Angehörige erbringen.

Angesichts fehlender Qualitätsstandards in der Pflege fragt man sich, wie hoch die Kosten erst einmal sein werden, wenn solche Standards irgendwann einmal aufgestellt werden. Im vierten Altenbericht der Bundesregierung war bereits vor zwei Jahren die Empfehlung ausgesprochen worden, eine unabhängige nationale Instanz zu errichten, die solche Qualitätsstandards entwickeln könnte. "Bisher sehen wir diese zentrale Instanz nicht", stellte Hallauer nüchtern fest. Und Diplom-Pflegewirtin Susanne Teupen von der Charité ergänzt: "In Deutschland gibt es eigentlich nur einen Dekubitus-Pflegestandard."

Die Qualitätsdefizite in deutschen Pflegeheimen zählte Dr. Peter Pick, Leiter des medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der GKV auf: In jedem zweiten Heim gebe es keine individuellen Pflegeziele, existiere ein Pflegekonzept, werde es in 42 Prozent der Fälle nicht umgesetzt. In jedem dritten Haus gebe es keine fachgerechte Planung der Pflegeprozesse, die Bedarfsmedikation werde nicht inhaltlich festgelegt, die Inkontinenzversorgung sei oft mangelhaft.

Ganz zu schweigen von der personellen Ausstattung: Nur jede fünfte Mitarbeiterin ist nach Angaben von Hallauer eine ausgebildete Altenpflegerin, zehn Prozent der Beschäftigten haben eine Krankenpflegeausbildung - der Rest sind berufsfremde oder ungelernte Kräfte. Dabei muß das Rad noch nicht einmal neu erfunden werden, wenn es um die Erstellung moderner Pflegekonzepte, insbesondere für Demenz-Patienten, geht: Da genüge bereits ein Blick über den großen Teich in die USA, sagt Teupen.

Von Gefühls- und Beziehungsarbeit spricht sie, von Realitätsorientierungstraining, von "Autonomie erhalten" und "aktivierender Pflege" ist die Rede bis hin zu einer menschenwürdigen Architektur der Heime. Konzepte sind vorhanden. Andererseits verhindert ein Dickicht an Rechtsvorschriften die Umsetzung, etwa wenn ein Polstersessel nicht im Flur aufgestellt werden darf wegen der Brandschutzverordnung.

Strukturqualität geht immer noch vor Pflegequalität

Qualität müsse auch meßbar sein, sagt Teupen und sieht wie Hallauer den derzeitigen Zertifizierungsboom von Pflegeheimen eher skeptisch. Bei den Anlaß- und Stichproben-bezogenen Qualitätsprüfungen des MDK werde mehr Wert auf die Strukturqualität gelegt, etwa die bauliche Situation, als auf Pflegequalität.

Und auch ein Vertreter der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft meint: "Ein neues Qualitätssiegel bringt’s wohl nicht!" Das macht es für die Angehörigen nicht leichter, eine passende Einrichtung zu finden. Vorschriften zur Qualitätssicherung im Sozialgesetzbuch nutzen zudem gar nichts, wenn sie nicht bekannt sind oder Angehörige sogar Angst davor haben, etwas zu kritisieren, weil sie fürchten, dies könnte sich negativ auf die Pflegebedürftigen auswirken.



FAZIT

In der Altenpflege gibt es in Deutschland immer noch krasse Qualitätsdefizite. Das zeigt sich gerade bei der Betreuung Demenzkranker. Moderne Pflegekonzepte gibt es kaum, ganz zu schweigen von einheitlichen Qualitätsstandards. Würden die aber erst einmal eingeführt. würden die Kosten in die Höhe schnellen. Ein Teufelskreis, der wieder einmal die Frage der Finanzierung von Pflege und Pflegeversicherung aufwirft.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Mehr Pflegequalität - nur ein Traum?

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

„ÄrzteTag“-Podcast

Wie erkenne ich Schmerzen bei Menschen mit Demenz, Professorin Miriam Kunz?

Das könnte Sie auch interessieren
Innovationsforum für privatärztliche Medizin

© Tag der privatmedizin

Tag der Privatmedizin 2025

Innovationsforum für privatärztliche Medizin

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer und Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, hofft, dass das BMG mit der Prüfung des Kompromisses zur GOÄneu im Herbst durch ist (Archivbild).

© picture alliance / Jörg Carstensen | Joerg Carstensen

Novelle der Gebührenordnung für Ärzte

BÄK-Präsident Reinhardt: Die GOÄneu könnte 2027 kommen

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

© Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH

Vitamin-C-Therapie

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Anzeige | Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH
Medizinischer Infusions-Tropf mit buntem Hintergrund

© Trsakaoe / stock.adobe.com

Hochdosis-Therapie

Vitamin C bei Infektionen und Long-COVID

Anzeige | Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH
Maximale Vitamin-C-Blutspiegel nach oraler (blau) und parenteraler (orange) Tagesdosis-Gabe.

© Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH

Vitamin-C-Infusion

Parenterale Gabe erzielt hohe Plasmakonzentrationen an Vitamin C

Anzeige | Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Abb. 2: Schneller Wirkeintritt von Naldemedin im Vergleich zu Placebo in den Studien COMPOSE-1 und COMPOSE-2

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [15]

Opioidinduzierte Obstipation

Selektive Hemmung von Darm-Opioidrezeptoren mit PAMORA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Viatris-Gruppe Deutschland (Mylan Germany GmbH), Bad Homburg v. d. Höhe
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Patient mit juckendem Ausschlag: Irrwege bis zur richtigen Diagnose

Lesetipps
Eine Frau sitzt vor ihrem Laptop und leidet unter einer Hitzewallung

© Diane Diederich / Getty Images / iStock

Cochrane-Review

Wechseljahre: Das sind die Vorteile und Risiken der oralen Hormontherapie

Nur noch Kerzen erleuchten die Fenster eines Wohnhauses in Berlin. Nach dem Brand einer Kabelbrücke sind im Südwesten tausende Haushalte und Betriebe ohne Strom.

© Carsten Koall/dpa

Update

Praxen im Südwesten betroffen

Wieder Stromausfall in Berlin: Kollege Sommer berichtet von seinen Erfahrungen

Eine Frau hält ihrem bettlägerigen Mann die Hand.

© openlens / Stock.Adobe.com

Fünf Szenarien durchgespielt

Was bei einem palliativmedizinischen Notfall Priorität hat