Ärzte Zeitung, 13.09.2004

HINTERGRUND

Hausärzte sehen sich hohen Erwartungen ausgesetzt, wenn es um die Versorgung von Alzheimer-Patienten geht

Von Dirk Schnack

Wenn es um die Versorgung von Demenzkranken geht, steigen die Erwartungen an die Hausärzte - nicht nur mit Blick auf die medikamentöse Therapie. Das ist auf dem vierten Kongreß der Deutschen Alzheimer Gesellschaft deutlich geworden, der am Samstag in Lübeck zu Ende gegangen ist. Immer wieder wurde dort auf die hohe Verantwortung der Hausärzte für die Demenzkranken hingewiesen und auf Defizite aufmerksam gemacht (wir berichteten).

So wird den Beratern am bundesweiten Alzheimer-Telefon häufig die Frage gestellt, wo man den "richtigen Arzt, der die Symptome wirklich ernst nimmt", findet. Angehörige berichten am Telefon von einem "unsensiblen Umgang mit den Kranken" und über Mängel in der Therapie. Manche Ärzte, hieß es, teilten dem Erkrankten selbst die Diagnose gar nicht mit oder würden die Symptome achselzuckend unter Hinweis auf das Alter abtun. Folge: Die Betroffenen und die Angehörigen können nicht verfolgen, ob die adäquaten Therapien eingesetzt werden und stellen sich verspätet auf die Krankheit ein.

"Betroffene brauchen frühe Aufklärung in Beratungs- und Anlaufstellen sowie praxisnahe Unterstützungsangebote", forderte deshalb Heike von Lützau-Hohlbein, erste Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

Eine Schlüsselrolle nehmen Hausärzte ein, wenn es um eine frühzeitige Diagnose und das schnelle Einleiten der Therapieschritte geht. In den meisten Fällen sieht Professor Alexander Kurz Hausärzte dafür als die richtigen Ansprechpartner. Besonders wichtig ist es für Ärzte, keine Zeit zu verlieren. "Mit modernen Antidementiva können sie einen Aufschub der Symptome erreichen, also müssen diese Medikamente früh eingesetzt werden", forderte Kurz.

Der Leiter des Münchener Alzheimer Zentrums stellte auch die zentrale Rolle der Ärzte im gesamten Hilfsnetz für Demente heraus: "Sie haben es in der Hand, daß Patienten und Angehörige die Hilfen bekommen, die sie brauchen."

Wie schwer das manchmal in der Praxis ist, wurde am Beitrag von Hausarzt Dr. Georg Wiesner aus Künzell deutlich. Bei der Behandlung von Alzheimerkranken seien Hausärzte vielfach gefordert, so Wiesner. Dazu gehört etwa auch die Beratung der Angehörigen, wie sie besser mit Demenzkranken umgehen können. Da gilt es, Kontakte etwa zu Selbsthilfegruppen zu vermittelt, über die Effekte der Therapie aufzuklären, zur Geduld zu raten, zu ermutigen, Mißtrauen und Aggressivität der Patienten nicht persönlich zu nehmen, und die Belastbarkeit der Helfer zu stärken.

Die Anforderungen an Ärzte im Umgang mit betroffenen Patienten - das wurde beim Kongreß in Lübeck deutlich - werden immer größer. "Wegen der steigenden Bedeutung der Krankheit ist Fortbildung deshalb unbedingt notwendig", sagte Wiesner, denn: "Wir bekommen unser Wissen nicht in die Wiege gelegt."

Dieses ständig aktualisierte Wissen ist aber erforderlich - allein schon deshalb, um Patienten, die Alzheimer nur befürchten, von denen unterscheiden zu lernen, die die Krankheit zu verstecken versuchen. Wiesner berichtete von Menschen, die die Krankheit ihrer Angehörigen jahrelang geschickt tarnten - erst auf gezieltes Nachhaken von Ärzten wurde die richtige Diagnose gestellt. Hausärzte sind aber auch zunehmend mit den Sorgen von Patienten befaßt, die eine Demenzerkrankung fälschlicherweise vermuten.

Klare Worte fand Wiesner zur medikamentösen Therapie. "Die zur Verfügung stehenden Budgets sind lächerlich gering." Er wünschte sich Diskussionen darüber, daß Ärzte für eine moderne medikamentöse Therapie per Regreß bestraft werden können. Dennoch ließ Wiesner keinen Zweifel: "Klar ist, daß uns Hausärzten die demenzkranken Patienten besonders am Herzen liegen."

Es gibt immer noch viele Defizite

Trotz intensiver Bemühungen von Hausärzten um Demenzkranke gibt es noch immer viele Defizite in der Versorgung. Eines der Hauptprobleme ist die Budgetbelastung in der medikamentösen Therapie. Ärzte kritisieren, daß ihnen damit eine leitliniengerechte Behandlung von Demenzkranken nicht möglich ist. Die Alzheimer Gesellschaft hat aber auch die Erfahrung gemacht, daß die Erkrankung unter Hinweis auf das Alter des Patienten verharmlost wird. Viele Patienten blieben oft über Jahre unentdeckt oder suchten vergeblich nach dem richtigen Behandler, bevor die Therapie einsetze. Ziel müsse es sein, diese Zeitspanne zu verkürzen. (di)

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