Forschung und Praxis, 14.02.2005

Frühe Therapie bei Demenz nutzt Patienten

Therapie-Empfehlungen sind aktualisiert worden

Um bei Patienten, bei denen eine Demenz diagnostiziert wird, den geistigen Verfall zu bremsen, plädieren Experten für eine frühzeitige medikamentöse Therapie. Ziel ist, kognitive Fähigkeiten und die Alltagskompetenz der Betroffenen möglichst lange zu erhalten und somit die Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern. Nach den in der vergangenen Woche veröffentlichten aktualisierten Therapie-Empfehlungen der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft werden Acetylcholinesterase-Hemmer und Memantine als Mittel der Wahl bei Alzheimer-Demenz angesehen.

Soziale Kontakte zu pflegen und sich geistig fit zu halten, ist besonders im Alter wichtig. So kann dem Nachlassen kognitiver
Fähigkeiten entgegengewirkt werden.
Foto: PhotoDisc

Ulrike Maronde

Alzheimer-Patienten profitieren von einer Therapie mit Antidementiva. Je früher die Patienten behandelt werden, um so besser ist der Effekt auf die Progression. "Mit umfassender und früher Therapie sind wir heute in der Lage, bei vielen Patienten die Krankheit für etwa ein Jahr aufzuhalten", hat Professor Lutz Frölich vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim bei einer Pressekonferenz zum Welt-Alzheimer-Tag 2004 betont.

Allerdings werde in Deutschland derzeit nur ein geringer Anteil der Demenzkranken mit modernen Antidementiva behandelt, sagte letzte Woche in Berlin Professor Hermann-Josef Gertz von der Klinik für Psychiatrie in Leipzig bei der Vorstellung der aktualisierten Therapie-Empfehlungen zur Demenz. Erarbeitet wurden diese von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Dagegen würden Substanzen, deren Wirksamkeit weit weniger gut belegt ist, wesentlich häufiger eingesetzt.

Die neuen Empfehlungen der AkdÄ werden auch von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde mitgetragen, hat in Berlin Professor Heiner Berthold von der AkdÄ betont. Außerdem stimmen die neuen Empfehlungen mit denen internationaler Fachgesellschaften überein.

Verzögerung der Progression um mehrere Monate in Studien belegt

Bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz empfiehlt die AkdÄ die Acetylcholinesterase-Hemmer (AchE) als Arzneimittel der ersten Wahl. Bei Patienten mit mittelschwerer und schwerer Erkrankung ist die Gabe von Memantine gerechtfertigt, wie es in den Empfehlungen heißt.

Die Wirksamkeit der Therapie mit AchE-Hemmern wie Donepezil (Aricept®), Galantamin (Reminyl®) und Rivastigmin (Exelon®) ist in Placebo-kontrollierten Studien bei Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz belegt: Im Vergleich zu Placebo ließen sich signifikante Effekte auf die kognitive Leistungen, die Bewältigung von Alltagsaktivitäten und auf das klinische Gesamturteil nachweisen. Die Progression der Erkrankung konnte um Monate verzögert werden. Danach verschlechterte sich der Zustand der Patienten zwar allmählich, blieb aber auf höherem Niveau als bei den Patienten der Placebo-Gruppe.

Zudem gibt es aus Studien Hinweise dafür, daß die AchE-Hemmer auch bei fortgeschrittener Erkrankung wirksam sind und auch Demenz-assoziierte Verhaltensstörungen, etwa motorische Unruhe, Halluzinationen oder depressive Stimmungen, mindern.

Letzteres ist in einer Studie mit Donepezil bei 134 Patienten mit Alzheimer-Demenz, die mindestens drei Demenz-assoziierte Verhaltensstörungen aufwiesen, gezeigt worden. Die Kranken wurden zunächst mit Donepezil behandelt. Ein Teil der Patienten erhielt nach sechs Wochen für zwölf Wochen Placebo, der andere weiterhin Verum. Bei den Patienten der Verum-Gruppe gingen die Verhaltensstörungen weiterhin zurück, in der Placebo-Gruppe wurden sie dagegen wieder stärker (Neurology 63, 2004, 214).

Für Rivastigmin hat eine kürzlich veröffentlichte Placebo-kontrollierte Studie über 24 Wochen ergeben, daß auch Patienten mit leichter- bis mittelschwerer Parkinson-assoziierter Demenz von der Therapie profitieren. Es wurden positive Effekte auf die kognitiven Fähigkeiten und die Alltagskompetenz festgestellt (New Engl J Med 351, 2004, 2509).

Gerade für Demenz-Kranke ist jede Vereinfachung der Therapie hilfreich. Bislang wurde nur Donepezil für die einmal tägliche Einnahme angeboten. Seit kurzem gibt es Galantamin auch als Retardtabletten zu 8, 16 und 24 mg, die nur einmal täglich eingenommen werden müssen (Reminyl® 1x täglich). Das neue Präparat ist ähnlich gut wirksam wie der nicht retardierte Wirkstoff, wie eine dreiarmige, Placebo-kontrollierte Studie mit 965 Alzheimer-Patienten ergeben hat (Neurology 62, 2004, 317).

Memantine (Axura®, Ebixa®), das als einziges Antidementivum bei mittelschwerer und schwerer Alzheimer-Demenz zugelassen ist, hat in Placebo-kontrollierten Studien den Verlust der Selbständigkeit deutlich gebremst. Die Patienten kamen in ihrem Umfeld besser zurecht und beanspruchten weniger fremde Hilfe, etwa beim Waschen oder Ankleiden.

Die positiven Effekte wurden auch für die kognitive Leistung und im klinischen Gesamturteil deutlich. Mittlerweile gibt es auch erste Hinweise dafür, daß die Kombination von Memantine mit Donepezil bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz günstige Effekte hat.

Eine erste Beurteilung des Erfolges einer begonnenen Antidementiva-Therapie sollte nach zwölf bis 24 Wochen erfolgen. Spricht ein Patient nicht auf das gewählte Medikament an oder verträgt er es nicht, sollte ein Therapieversuch mit einer anderen Substanz gemacht werden.

Demenz-Screening mit Kurztests erfordert nur geringen Zeitaufwand

Meist sind Hausärzte die ersten Ansprechpartner, wenn die Patienten über Vergeßlichkeit klagen oder deren Angehörige bemerken, daß die Betroffenen im Alltag immer schlechter zurechtkommen. Wichtig ist, daß die Diagnose Morbus Alzheimer möglichst früh gestellt wird, damit auch die Therapie früh beginnen kann.

Mit psychometrischen Kurztests, die nur etwa zehn Minuten Zeit in Anspruch nehmen, läßt sich die Verdachtsdiagnose bestätigen oder verwerfen. Beispiele für solche Kurztests sind der DemTect und der TFDD. Beim DemTect müssen zum Beispiel Worte erinnert oder Zahlenfolgen rückwärts wiederholt werden.

Mit dem TFDD läßt sich zudem eine Depression als Ursache für kognitive Störungen ausschließen. Der häufig genutzte MMST (Mini Mental Status Test) ist für die Frühdiagnostik einer Demenz weniger geeignet, da er für frühe Stadien nicht empfindlich genug ist. (mar)

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