Ärzte Zeitung, 07.11.2005

HINTERGRUND

BSE-Schutzgesetz fällt - Großbritannien erklärt den größten Gesundheitsskandal des Landes für beendet

Von Arndt Striegler

Der 7. November 2005 wird vom britischen Fleischerhandwerk gerne als "Victory Day" bezeichnet. Heute fällt nämlich ein neuneinhalb Jahre altes Gesetz, das bislang dafür gesorgt hat, daß britisches Rindfleisch von Tieren, die älter als 30 Monate sind, nicht zum menschlichen Verzehr freigegeben werden darf. Mit dem Fall des Gesetzes erklärt Großbritannien den BSE-Skandal für beendet.

Die 14jährige Zoe Jeffries (hier mit ihrer Mutter Helen) starb im September 2000. Sie ist eine von 151 britischen Patienten, die an vCJK gestorben sind. Foto: dpa

Als die Londoner Regierung das Gesetz im Mai 1996 einführte, meldeten die Zeitungen fast täglich neue Hiobsbotschaften über den Rinderwahnsinn (Bovine Spongiforme Enzephalopathie, BSE) oder die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) bei Menschen. Bauernhöfe wurden abgeriegelt und unter Quarantäne gestellt. Hunderttausende von Rindern wurden gekeult. Es herrschte so etwas wie Untergangsstimmung in Großbritannien.

Epidemiologen prophezeiten eine vCJK-Epidemie

Ärzte wurden von vielen verunsicherten Patienten gefragt, ob sie als regelmäßige Fleischesser nun auch bald an vCJK sterben würden. "Es war eine schlimme Zeit voller falscher Informationen, Unsicherheiten und bombastischer Schlagzeilen", erinnert sich ein Londoner Hausarzt. "Niemand wußte so genau, was als nächstes kommen würde und ob es tatsächlich zu der von vielen Epidemiologen prophezeiten vCJK-Epidemie kommen würde."

Inzwischen haben sich die Gemüter in Großbritannien und anderswo wieder beruhigt. Die befürchtete vCJK-Epidemie ist ausgeblieben. Britische Rinder, die älter sind als 30 Monate, dürfen ab heute wieder geschlachtet und zum Verzehr freigegeben werden.

Wie ein Regierungssprecher in London auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" sagte, ist das von diesem Fleisch ausgehende Gesundheitsrisiko "sehr gering". Die britischen Behörden ersetzen das bisherige Verwertungsverbot mit einem Testgebot. Geschlachtete Rinder sollen zunächst auf BSE getestet werden. Experten sprechen von einem "deutlichen Signal".

Allerdings dürfen Rinder, die vor dem 31. Juli 1996 geboren wurden, auch weiterhin nicht gegessen werden. Wissenschaftler halten bei diesen Tieren die Wahrscheinlichkeit einer BSE-Infektion für größer, da bis zum Stichtag 31. Juli 1996 auch Tier- und Knochenmehl an Rinder verfüttert werden durfte.

184 000 der bislang etwa 190 000 weltweit gemeldeten BSE-kranken Rinder waren britische Tiere. Großbritannien gilt als Ursprungsland der Rinderseuche. Allerdings ist die Zahl der hier jährlich neu diagnostizierten BSE-Erkrankungen seit Jahren stark rückläufig: Mitte der 90er Jahre wurden noch jährlich zehntausende Erkrankungen diagnostiziert, heute bewegt sich die Zahl im unteren Tausenderbereich.

BSE gilt als der größte Gesundheitsskandal in der britischen Nachkriegsgeschichte. Obwohl Tageszeitungen wie "The Times" bereits 1988 von einer "neuen mysteriösen Rinderseuche" berichteten, schwiegen Gesundheitspolitiker und Fleischerzeuger das Thema jahrelang tot. Erst als Mitte der 90er Jahre bei den ersten Patienten eine neue Form von Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) diagnostiziert wurde, wurde gehandelt.

Der Verkauf von Rindfleisch am Knochen wurde verboten, Schlachthöfe wurden streng überwacht, in den Krankenhäusern wurden Operationsbestecke nach einmaligem Gebrauch vernichtet. Das Exportverbot für britisches Rindfleisch kostete die Fleischindustrie nach vorsichtigen Schätzungen umgerechnet mehr als sechs Milliarden Euro.

Bis heute starben mehr als 151 Patienten in Großbritannien an vCJK. Immer wieder tauchten Zweifel an der Sicherheit britischer Blutprodukte auf. Das Londoner Gesundheitsministerium hielt es daher 2004 für sicherer, allen Patienten, die zwischen 1980 und 1996 Empfänger von Blutprodukten gewesen waren, zu verbieten, selbst Blut zu spenden. Nachweislich erhielten mindestens 15 britische Creutzfeldt-Jakob-Patienten Blutprodukte, die von Empfängern stammten, die mit dem vCJK-Erreger infiziert waren.

Wissenschaftlich ist das Thema noch lange nicht abgeschlossen

Heute geht in Großbritannien ein Kapitel in der Geschichte des Rinderwahnsinns zu Ende. Wissenschaftlich abgeschlossen ist das Thema freilich noch lange nicht. So wiesen erst kürzlich Forscher beim internationalen Fachkongreß "Prion 2005" in Düsseldorf darauf hin, daß noch zu wenig bekannt sei, ob auch kleinere Wiederkäuer wie Ziegen und Schafe BSE bekommen könnten.

Wissenschaftler in Großbritannien und anderswo wenden sich gegen eine "Abrüstung per Dekret" in Sachen Rinderwahnsinn, die Londoner Regierung dagegen sieht die "Gefahr weitgehend gebannt". "Wir können heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, daß der Verzehr von Rindfleisch gesundheitlich unbedenklich ist, und das ist bereits seit einiger Zeit so", sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums zur "Ärzte Zeitung".

Dennoch: Die während des Höhepunkts der BSE-Epidemie eingeführten Sicherheitsbestimmungen, zu denen auch die regelmäßige Überwachung der britischen Schlachthöfe gehört, würden "vorerst nicht aufgehoben".

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ein Skandal vor dem Ende?

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »