Ärzte Zeitung, 23.11.2006

Mit Galantamin lassen sich auch Verhaltensstörungen hinauszögern

Therapie senkt die Betreuungszeit für Demenz-Kranke um ein bis zwei Stunden täglich

DÜSSELDORF (mut). Eine Therapie mit Galantamin wirkt sich nicht nur günstig auf die kognitiven Leistungen von Alzheimer-Patienten aus. Die Therapie vermindert außerdem den Betreuungsaufwand. Zudem verzögert sie die Zeit, bis Verhaltensstörungen auftreten.

Eine Hausärztin besucht eine Patientin mit leichter Demenz im Altenheim. Mit Antidementiva läßt sich ein Heimaufenthalt um Jahre hinausschieben. Foto: Klaro

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat einen Vorbericht zur Bewertung der drei Cholinesterase-Hemmer Donepezil, Galantamin und Rivastigmin abgegeben. Die IQWiG-Forscher kommen darin zu dem Ergebnis, daß die Arzneien bei leichter oder mittelschwerer Alzheimer-Demenz den Abbau der kognitiven Fähigkeiten leicht verzögern können (wir berichteten).

Zudem spricht das Institut bei allen drei Medikamenten von Hinweisen auf einen Nutzen bei der Alltagskompetenz. Eine gute Kompetenz haben Patienten zum Beispiel, wenn sie noch in der Lage sind, das Licht alleine ein- und auszuschalten, den Wasserhahn selbständig zuzudrehen oder nach dem Essen den Tisch abzuräumen.

Die Gruppe mit Therapie kam im Alltag besser zurecht

Für Galantamin (Reminyl®) nennt das IQWiG zudem Hinweise, wonach das Präparat die psychopathologischen Symptome und den Betreuungsaufwand verringert. Darauf hat Professor Matthias W. Riepe von der Charité Berlin hingewiesen.

Riepe nannte dazu auf einer Veranstaltung von Janssen-Cilag einige Studien: Effekte von Galantamin auf die kognitive Leistung wurden etwa in einer Untersuchung mit über 630 leicht bis mittelschwer erkrankten Patienten gut belegt. Die Patienten erhielten zunächst für sechs Monate Placebo oder Galantamin, anschließend bekamen alle für weitere sechs Monate die Arznei.

    "Studien mit Placebo werden aus ethischen Gründen nicht zugelassen."
   

Mit Galantamin verbesserten sich die kognitiven Fähigkeiten in den ersten sechs Monaten deutlich: Der ADAS-cog-Wert nahm um knapp vier Punkte ab, mit Placebo nahm er dagegen um etwa zwei Punkte zu. Auch nach zwölf Monaten gab es noch eine Differenz von zwei Punkten beim ADAS-cog-Wert zwischen den Patienten, die zwölf Monate, und denen, die nur sechs Monate mit Galantamin behandelt worden waren. In derselben Studie wurde auch die Alltagskompetenz der Patienten beobachtet: Sie hatte mit Galantamin kaum, mit Placebo in sechs Monaten dagegen deutlich abgenommen.

Eine günstige Wirkung auf Verhaltensauffälligkeiten wurde in einer fünf Monate dauernden Studie mit knapp 1000 Patienten belegt. Auf der Verhaltensskala NPI (maximal 120 Punkte) blieb der Wert mit Galantamin konstant, mit Placebo nahm er dagegen um zwei bis drei Punkte ab.

Mit Galantamin brauchen die Patienten weniger Betreuung

Ähnliches, so Riepe, habe sich bei einer sechs Monate dauernden Placebo-kontrollierten Studie mit 825 leicht bis mittelschwer erkrankten Patienten herausgestellt. Nach diesen Daten reduziert eine Galantamin-Therapie auch den Betreuungsaufwand, und zwar um knapp eine Stunde pro Tag - bei Patienten mit mittelschwerer Erkrankung sogar um zwei Stunden. Nach weiteren Studien lasse sich mit einer Galantamin-Therapie über drei Jahre ein Heimaufenthalt um zwei Jahre verzögern.

Solche Studien seien vom IQWiG jedoch nicht berücksichtigt worden, weil sie über diesen langen Zeitraum nicht Placebo-kontrolliert geführt wurden. Es sei aber praktisch unmöglich, Patienten über Jahre mit Placebo zu behandeln. "Keine Ethikkommission würde das heute noch zulassen", sagte Riepe.

STICHWORT

ADAS-cog-Test

Bezeichnung: "ADAS-cog" steht für "Alzheimer's Disease Assessment Scale Cognitive Subscale".

Verwendung: Mit dem ADAS-cog-Test werden kognitive Fähigkeiten geprüft, etwa das Erinnern von Wörtern, und Sprachverständnis.

Umfang: Die Skala reicht von Null Punkten (keine Einschränkungen) bis 70 Punkte (schlechtestes Ergebnis). Bei unbehandelten Alzheimer-Patienten verschlechtert sich das Test-Ergebnis jährlich um etwa sieben bis acht Punkte. (eb)

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