Ärzte Zeitung, 28.11.2007

Demenzkranke stärker in den Fokus rücken!

Multimorbidität im Ärzte-Alltag / Geriatrie-Forscher der Uni Witten/Herdecke für mehr Patientenbezogenheit

KÖLN (pah). Bei der Versorgung von Patienten mit Demenz müssen Ärzte und Pflegende Multimorbidität und arzneimittelbezogene Probleme stärker berücksichtigen. Das fordert Professor Ingo Füsgen, Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie an der Uni Witten/Herdecke.

"Man muss sich alleine schon aus Kostengründen mit der Multimorbidität bei vulnerablen Erkrankungen wie der Demenz beschäftigen", sagt Füsgen auf einer Veranstaltung des Zukunftsforums Demenz, einer Initiative des Pharmaunternehmens Merz.

Multimorbidität treibt Kosten nach oben

Die Behandlung von Demenzkranken sei teuer. "Ein wesentlicher Faktor für die hohen Kosten ist die hohe Multimorbidität bei Patienten mit Demenz", sagt Füsgen. Er hat allerdings nicht nur die Kosten im Blick. Um die Lebensqualität von Demenzkranken zu erfassen, sei es auch wichtig, den Allgemeinzustand des Patienten wahr zu nehmen. "Wir müssen uns von der Diagnosezentrierung lösen und patientenbezogen handeln", so Füsgen. Im Mittelpunkt müsse die Frage stehen, wie hoch der Beitrag der einzelnen Erkrankungen zur gesamten Krankheitslast ist. Da bei alten Patienten die Multimorbidität zunimmt, ist häufig eine Behandlung mit mehreren Wirkstoffen notwendig. Dies sei einer der wichtigen Therapiepfeiler bei Demenz, sagt Füsgen. Allerdings führe die Multimedikation bei Demenzpatienten zu weiteren Problemen.

Das bestätigt auch der Pharmakologe Frank Hanke von der Fakultät Witten/Herdecke. Er hat die Arzneimittelversorgung in Altersheimen untersucht. Dazu hat er 168 Heimbewohner aus zwei nordrhein-westfälischen Altenheimen über einen Zeitraum von neun bis sechzehn Monaten beobachtet.

Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Verordnungen und dem Auftreten von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW). Bei den Heimbewohnern, die weniger als sechs Dauerverordnungen bekamen, lag der Anteil der unerwünschten Wirkungen bei 13,3 Prozent. In der Gruppe der Bewohner mit mehr als zehn Dauerverordnungen traten bei 46,6 Prozent unerwünschte Wirkungen auf. 74 Prozent aller unerwünschten Wirkungen traten bei Demenzerkranken auf. "Alte, multimorbide Menschen sind eine Hochrisikogruppe", sagt Hanke.

Präventionsmaßnahmen senken die Sturzrate

Auch Hanke betonte die hohen Kosten durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Die Belastung sei genauso hoch wie die Kosten der Arzneimittel selber, sagt er. Dabei sei knapp die Hälfte der unerwünschten Wirkungen vermeidbar. Vor allem Stürze könnten mit Präventionsmaßnahmen verhindert werden.

Dr. Robert Schäfer von der Ärztekammer Nordrhein wies darauf hin, dass auch andere Ursachen für verstärkte Demenzsymptome abgeklärt werden müssen. Ein Beispiel: Trinken alte Menschen zu wenig, könne das die Symptome einer Demenz verstärken. "Das kann als Folge der Medikation fehlgedeutet werden", warnt Schäfer.

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