Ärzte Zeitung, 29.04.2008

HINTERGRUND

Enzyme und Statine - Intensive Suche nach neuen Arzneien gegen Alzheimer trägt Früchte

Von Thomas Müller

Ein Astrozyt (grün) vertilgt Alzheimer-Plaques (orange).

Foto: Jens Husemann

Gegen Morbus Alzheimer könnte es schon bald neue Medikamente geben: Auf dem US-Neurologenkongress in Chicago präsentierten Forscher ermutigende klinische Daten zu einem -Sekretase-Hemmer. Die Arznei kann die Krankheitsprogression in frühen Stadien verzögern.

Ermutigend nannte Dr. Sandra Black aus Toronto die Ergebnisse einer Phase-II-Studie mit 207 Alzheimer-Patienten. Zumindest bei Patienten in frühen Krankheitsstadien konnte die Therapie mit dem NSAR-Derivat Tarenflurbil die Progression um etwa 40 Prozent verzögern - gemessen auf verschiedenen Demenzskalen und verglichen mit einer antidementiven Standardtherapie.

In die Studie wurden Patienten mit leichter bis moderater Erkrankung aufgenommen. Ihre antidementive Therapie - meist mit Cholinesterase-Hemmern - wurde fortgesetzt. Zusätzlich erhielten sie Placebo oder täglich bis zu 1600 mg der Arznei. Nach einem Jahr wurde etwa die Hälfte der Patienten in der Placebo-Gruppe auf die neue Substanz umgestellt. Die Studie dauerte zwei Jahre.

Patienten der Verumgruppe kamen im Alltag besser zurecht

Bereits nach einem Jahr zeigte sich ein deutlicher Vorteil der Therapie bei Patienten mit einer leichten Alzheimer-Erkrankung (MMST-Wert von 20 bis 26). Sie kamen im Alltag signifikant besser zurecht als die Patienten mit Placebo. Allerdings: Bei Patienten in einem fortgeschrittenen Stadium (MMST zu Beginn unter 20) war kein Nutzen der Therapie erkennbar. Insgesamt hatten nach einem Jahr 60 Prozent der Patienten auf die Therapie angesprochen, mit Placebo waren es 39 Prozent. Nach zwei Jahren lag der Anteil mit der Arznei bei 42 Prozent, mit Placebo nur noch bei 10 Prozent.

Erneut wurde eine Studie zum Impfen abgebrochen.

Auf die Therapie angesprochen hatten Patienten, wenn sie sich zumindest bei einem der Parameter Kognition, Alltagsfähigkeit und klinischer Gesamteindruck nicht verschlechtert hatten. Nach zwei Jahren Tarenflurbil-Therapie gab es auch signifikante Unterschiede bei der Kognition: Der ADAS-cog-Wert war um etwa 6 Punkte besser als mit Placebo, sagte Black. Normalerweise verschlechtert sich dieser Wert bei Alzheimer-Patienten im Schnitt um 7 bis 8 Punkte pro Jahr.

Ein weiteres Ergebnis: Wer erst nach einem Jahr von Placebo auf das Medikament umgestellt wurde, hatte keinen erkennbaren Nutzen von der Therapie. Black vermutet, dass bei Patienten mit moderatem bis schwerem Alzheimer der Schaden durch die vorhandenen Amyloid-Ablagerungen schon zu groß ist für eine Therapie, die zwar neue Plaques verhindern, nicht aber die vorhandenen auflösen kann. "Wir müssen früher damit beginnen, dann haben wir einen größeren Einfluss, dann können wir die Krankheit am stärksten verzögern", sagte Black. Die Arznei wurde gut vertragen, so die Neurologin. Bei einigen Patienten kam es nur zu einer vorübergehenden Eosinophilie und einer leichten Anämie. Geplant ist eine Phase-III-Studie.

Für Aufsehen sorgte auf dem Kongress auch der Stopp einer Alzheimer-Impfstudie. Bei einem der beteiligten Patienten ist eine Hautentzündung aufgetreten, die möglicherweise auf einer Vaskulitis beruht. Das hat Dr. Jeffrey Cummings von der Universität in Los Angeles dem Online-Portal "Medpage Today" mitgeteilt. Ob das Problem bei einem Patienten mit Placebo oder mit dem Amyloid-Fragment ACC-001 auftrat, wurde noch nicht bekannt gegeben. Der Patient ist inzwischen wieder aus der Klinik entlassen.

Jetzt werde untersucht, ob und in welcher Weise die Hautläsionen durch die Impfung bedingt sind. Eine frühere Impfstudie mit einem anderen Amyloid-Fragment war vor etwa fünf Jahren abgebrochen worden, weil manche Patienten an aseptischer Meningoenzephalitis erkrankten. Eine Alternative wäre möglicherweise eine passive Immunisierung mit ex vivo gezüchteten Antikörpern gegen Beta-Amyloid. Eine klinische Studie dazu wird gerade gestartet.

Hoffnungen aufgrund erster Studien nicht erfüllt

Ausgewertet sind dagegen schon Daten einer Studie mit Atorvastatin bei leichter bis moderater Demenz. Allerdings sind die Ergebnisse enttäuschend: Offenbar lässt sich mit dem Statin der Krankheitsverlauf nicht signifikant verzögern, so Dr. Howard Feldman aus Vancouver in Kanada. Epidemiologische Daten hatten zunächst genau darauf hoffen lassen. Denn in Studien bekamen Patienten mit Statinen nicht nur viel seltener kardiovaskuläre Ereignisse, sondern auch seltener Alzheimer als mit Placebo. In der jetzt vorgestellten Studie LEADe hatten 640 Alzheimer-Patienten zusätzlich zu 10 mg Donepezil täglich 80 mg Atorvastatin oder Placebo erhalten. Nach 72 Wochen gab es zwar einen positiven Trend für Atorvastatin bei der Kognition, er war jedoch nicht signifikant. Inzwischen laufen auch Studien mit dem besser hirngängigen Simvastatin. Erste Ergebnisse kleiner Studien deuten darauf, dass sich damit tatsächlich der Krankheitsverlauf verzögern lässt.

Infos zum US-Neurologenkongress unter www.medpagetoday.com und www.aan.com/go/am

STICHWORT

Sekretasen

Zwei Enzyme, die sogenannten ß- und die -Sekretasen begünstigen eine physiologisch ungünstige Spaltung des Amyloid-Vorläuferproteins. Dabei entsteht das -Amyloid-Fragment A42. Dieses Fragment verklumpt bei Alzheimer-Patienten und führt zu den typischen Amyloid-Plaques. Die jetzt geprüfte Substanz Tarenflurbil ist ein Abkömmling - das sogenannte R-Enantiomer - des NSAR Flurbiprofen. Die Substanz beeinflusst das Enzym -Sekretase und verhindert damit die Bildung von neurotoxischem -Amyloid. (mut)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Halsschmerzmittel gegen Alzheimer

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