Ärzte Zeitung, 25.05.2010
Erhöht Pflegestress das Alzheimer-Risiko?

"... in guten wie in schlechten Zeiten ..." ist ein hehres Ziel. Aber in der Pflege sollten Ehepartner Hilfe holen. © Alexey Klementiev / fotolia.com
LOS ANGELES (dpa). Menschen, die ihren an Morbus Alzheimer
erkrankten Ehepartner pflegen, haben ein größeres Risiko,
selbst an Demenz zu erkranken. Das berichten Ärzte um Dr. Maria
Norton von der Utah State University in Logan (J Am Geriatrics Soc 2010; 58: 895). Möglicherweise sei erhöhter Stress ein Risikofaktor, so die Wissenschaftler.
Das
Team hatte 1221 verheiratete Paare im Alter von 65 Jahren und
älter über einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg beobachtet.
Die Studienteilnehmer lebten im ländlichen Norden des
US-Bundesstaates Utah.
Während dieser Zeit erkrankten 255 Menschen
der Gruppe an Demenz. Dabei zeigte sich: Wenn einer der Ehepartner an
Morbus Alzheimer oder an einer ähnlichen Demenzform erkrankte, war
das Risiko des pflegenden Partners, ebenfalls an Demenz zu erkranken,
um das Sechfache höher. Bei der Analyse der Geschlechter zeigte
sich, dass Männer ein höheres Erkrankungsrisiko haben als
Frauen.
Einen Demenz-Patienten zu pflegen bedeute mehr
Stress und persönlicher Verzicht als das Versorgen eines
körperlich behinderten Patienten, erklärt Norton. Zudem sei
es bereits eine schwere seelische Belastung, die Persönlichkeit
des Lebenspartners schwinden zu sehen.
Wie schmerzhaft ein derartiger Verlust ist, beschreibt die Frau des Kulturhistorikers und Schriftstellers Professor Walter Jens,
Inge Jens, in ihrem Buch "Unvollständige Erinnerungen" (2009).
Über die Krankheit ihres dementen Mannes heißt es unter
anderem "Ich sehe seinem Entschwinden zu".
"Der chronische
und oft starke Stress, der mit der Pflege einhergeht, könnte ein
substanzielles Risiko für die Entwicklung von Demenz beim
Pflegenden sein", schreiben die US-Ärzte in ihrer Analyse. Weitere
Studien seien nötig, um die Ursachen klar benennen zu können.