Ärzte Zeitung, 01.02.2011

Demenz-Patient und Pflegender: Beide stehen unter Stress

Wird die Ursache von Aggressivität Demenz-Kranker erkannt, kann der Alltag aller Betroffenen leichter werden.

Von Thomas Meißner

Demenz-Patient und Pflegender: Beide stehen unter Stress

Persönliche Pflege im Alter: auch für die Angehörigen belastend.

© gilles lougassi / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Ein Dauerbrenner bei den Themen im Bereich "Pflege" ist die Belastung pflegender Angehöriger. Wer einen pflegebedürftigen Ehepartner oder nahen Verwandten pflegt, läuft Gefahr, selber krank und pflegebedürftig zu werden, hat erst jetzt eine beim Kongress "Pflege 2011" in Berlin vorgestellte aktuelle Analyse der Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) wieder bestätigt.

Beispiel Demenz-Kranke und die sie Pflegenden: Neuropsychiatrische Symptome wie Aggressivität, Agitation oder Enthemmung machen bekanntlich das Zusammenleben mit und die Pflege von Demenz-Kranken für Angehörige schwer.

Solche Symptome sind dann nicht nur oft der Grund, dass auch pflegende Angehörige krank werden, sondern sie sind häufig auch der Anlass für die Aufnahme der Patienten in ein Heim.

Geht man auf psychologische oder umweltbezogene Ursachen dieser Symptome ein, lässt sich unter Umständen manches Problem verkleinern, lautete ein Fazit einer Veranstaltung der Hirnliga kürzlich in Frankfurt am Main.

So müsse bei Demenz-Kranken von einer verminderten Stresstoleranz ausgegangen werden, sagte Professor Ralf Ihl aus Krefeld bei dem Symposium der Hirnliga. Verminderte Stresstoleranz resultiere in verstärkten neuropsychiatrischen Symptomen.

Dies wiederum belastet erheblich die Angehörigen und Pflegenden. Außerdem führten Grundbedürfnisse des Kranken wie Hunger, Durst oder Harndrang zu Unruhe, erläuterte Ihl.

Er empfahl, bewusst darauf zu achten, ob derartige Bedürfnisse die Ursache für die gerade bestehende Unruhe des Patienten sein könnten. Auch das Verhalten des Pflegenden selbst löst womöglich belastende Verhaltensweisen aus.

Wenn zum Beispiel die Pflegenden bei einem Schrei des Patienten stets sofort hineilten, brauche man sich nicht zu wundern, wenn solche Schreie mit der Zeit immer häufiger würden, so der Gerontopsychiater.

Er ging zudem auf umweltbezogene Ursachen von Müdigkeit, Angst, Unruhe oder Aggressivität bei Demenz-Kranken ein. Dunkelheit, Überhitzung, Unterkühlung, unangenehme Gerüche und Lärm sind ungünstig - alles, was auch den gesunden Menschen stört, ist für Demenz-Kranke eine sehr viel stärkere Belastung.

Vorteilhaft sind daher etwa Licht einer Stärke von 500 Lux in Augenhöhe bei warmer Lichtqualität, Raumtemperaturen um 23 °C, Ruhe und allenfalls moderat angenehme Gerüche.

Aktuellen Leitlinien der WFSBP* zufolge können, sollte das Beseitigen solcher Ursachen neuropsychiatrischer Symptome nicht ausreichend sein, Antidementiva unter dieser Indikation verordnet werden - dazu liegen entsprechende Studien vor.

"Nur als Ultima Ratio überlegen wir überhaupt, ob man auf andere Medikamente wie Neuroleptika oder Antidepressiva zurückgreifen muss", sagte Ihl und verwies auf das erhebliche Nebenwirkungsrisiko gerade bei Demenz-Patienten.

Er kritisierte vor allem den weit verbreiteten Gebrauch niederpotenter Neuroleptika in Pflegeheimen und Kliniken. Orthostatische Dysregulation und mangelnde Bewegungsfähigkeit endeten oft in einem Sturz der Patienten mit schwerwiegenden Knochenfrakturen, die letztlich fatale Folgen haben können.

Als grundlegende Verhaltensweisen gegenüber Demenz-Kranken empfahl Ihl:

• die Ursachen des auffälligen Verhaltens zu ergründen;
• Schuldzuweisungen zu vermeiden - die Demenz-Erkrankung ist für die Auffälligkeiten verantwortlich;
• stets einfühlsam zu reagieren - Aggressionen und Unverständnis verstärken die Auffälligkeiten;
• noch vorhandene Fähigkeiten des Patienten zu fördern, etwa beim Anziehen einer Hose anfangs zu helfen und die Tätigkeit allein zu Ende bringen zu lassen.

Ein Training der Pflegenden könne die Situation oft entscheidend entschärfen, betonte Ihl. Ein Tipp von ihm: "Zeigen Sie Humor in lustigen Situationen, die Krankheit ist hart genug!"

*WFSBP: World Federation of Societies of Biological Psychiatry

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