Ärzte Zeitung, 02.03.2012

Tierpark-Szenen beruhigen Demenzpatienten

Schnelle Schnitte und viele bunte Bilder im Fernsehen beunruhigen Demenzpatienten. Die TV-Autorin Sophie Rosentreter produziert Filme, die das Gegenteil zeigen: Langsame Einstellungen und Ruhe - mit Erfolg.

Von Pete Smith

Tierpark-Szenen beruhigen Demenzpatienten

Sophie Rosentreter mit ihrer Oma Ilse: "Ich wollte meiner Omi etwas hinterlassen, das sie warm einpackt, das ihr ein Wohlgefühl verschafft."

© OnTop PR

"Für Rudi Assauer tut es mir sehr leid", sagt die Filmemacherin Sophie Rosentreter, als sie auf die Alzheimer-Erkrankung des ehemaligen Fußball-Managers angesprochen wird, "aber es freut mich, dass er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist."

Die 36-jährige Hamburgerin weiß, dass das Wissen um die Erkrankung noch immer gering ist und Leitbilder wie Assauer zur Aufklärung beitragen können.

Sie selbst hat neun Jahre lang ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter begleitet. Mit diesen Erfahrungen produziert sie nun Filme, die Demenzkranken ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Sophie Rosentreter ist 33, als ihre geliebte Oma Ilse stirbt. Bis dahin hat sie nahezu ununterbrochen im Rampenlicht gestanden - als Model, Moderatorin beim Musiksender MTV, Außenreporterin bei "Big Brother" und Redakteurin für "Stern TV", "Leute heute", "Brisant" sowie "Explosiv".

Während sie selbst Karriere macht, muss sie mit ansehen, wie sich ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter nach und nach verliert. Verzweifelt kämpft die Familie darum, Oma Ilse so lang wie möglich daheim zu pflegen, ein Fehler, wie Sophie Rosentreter heute weiß.

Fernsehen überfordert Demenz-Patienten

Denn mit ihrer Rundumbetreuung gelangen die Angehörigen schon bald an ihre Grenzen. Nach sieben Jahren geben sie die Großmutter ins Pflegeheim. Wenn Enkelin Sophie ihre Oma dort besucht, trifft sie sie nicht selten vor dem Fernseher an.

Gesunde Menschen schalten vor der Glotze ab, Demenzkranke nicht. Im Gegenteil: Durch die rasanten Schnittfolgen, die fetzigen Dialoge, die rasch aufeinanderfolgenden Beiträge und die wiederkehrenden Werbeunterbrechungen werden sie hilflos überfordert.

"Wenn ich nach meinen Besuchen wieder heimgegangen bin", erzählt die TV-Journalistin, "hatte ich oft den Wunsch, meiner Omi etwas zu hinterlassen, das sie warm einpackt, etwas, das ihr ein Wohlgefühl verschafft. Daraus entstand die Idee mit meinen Filmen."

Wie muss ein Film beschaffen sein, um Demenzkranke einerseits zu beschäftigen und andererseits zu entspannen? Ein halbes Jahr lang recherchiert Sophie Rosentreter Hintergründe, fertigt Skizzen an und knüpft Kontakte. Doch als sie gerade soweit ist, ihr Projekt in Angriff zu nehmen, stirbt Oma Ilse - neun Jahre nach der Erstdiagnose Alzheimer.

Andenken an die Oma "Ilses weite Welt"

Wie es der Zufall will, lernt Sophie Rosentreter bei der Beerdigung den Gerontologen und Mitbegründer der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft Dr. Jens Bruder kennen. Der zeigt sich von ihrer Idee begeistert und sichert ihr fachliche Unterstützung zu. So wird der Tod ihrer Großmutter zur Geburtsstunde eines Unternehmens, das sie in Andenken an die Oma "Ilses weite Welt" nennt.

Tierpark-Szenen beruhigen Demenzpatienten

TV-Journalistin Sophie Rosentreter dreht Filme für Demenzpatienten.

© OnTop PR

Nach monatelangen Hospitanzen in Pflegeheimen, Tageseinrichtungen und Betreuungsgruppen, Dutzenden Gesprächen mit Patienten und Angehörigen, Ärzten und Pflegern sowie der Teilnahme an Kursen in integrativer Validation und Ergotherapie produziert Sophie Rosentreter ihren ersten Film: "Ein Tag im Tierpark".

Darin begleitet sie zwei Mädchen mit ihren Müttern auf deren Entdeckungsreise in einem Tiergehege, beobachtet, wie sie Beeren pflücken und Hängebauchschweine streicheln und wie die Mütter ihre Töchter liebkosen - all das in langen Einstellungen und behutsamen Kameraführungen, die Ruhe und Behaglichkeit vermitteln.

Als sie den Film zum ersten Mal in einem Pflegeheim zeigt, sind alle von seiner Wirkung verblüfft: Plötzlich fangen Demenzkranke, die verstummt sind, wieder zu reden an, unstete Wanderer halten inne und aufgeregte Patienten können sich eine Weile entspannen.

Heute, zweieinhalb Jahre nach dem Tod von Oma Ilse, leitet die inzwischen 36-jährige Filmemacherin ein Team von fünf Angestellten und etlichen freien Helfern. "Ilses weite Welt" hat mittlerweile zwei weitere DVDs im Sortiment ("Musik - gemeinsam singen" und "Hunde - unsere treuen Freunde") und dazu eine breite Palette mit Begleitbüchern, Fotokarten, Malblöcke und Haptiksets, um möglichst viele Sinne zu stimulieren.

Filmemacherin gewinnt viele Preise fürs Engagement

Für ihre innovativen Ideen ist Sophie Rosentreter im vergangenen Jahr mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderen mit dem Sonderpreis beim KarmaKonsum Award und dem zweiten Preis des Darboven IDEE-Förderpreises.

Seit wenigen Wochen wird die Wirkung ihrer Filme von der Universität Lüneburg wissenschaftlich evaluiert, auch eine erste Krankenkasse habe bereits Interesse an den Filmen angemeldet.

Anreize genug, um mit Verve weiterzumachen. "Bei uns auf dem Tisch liegen um die 50 Themen für weitere Filme", erzählt Sophie Rosentreter. "Zudem sind wir gerade dabei, unsere Schulungskonzepte zu vertiefen. Und in ein, zwei Monaten wollen wir Führungen im Tierpark anbieten, dann können Patienten das, was sie im Film gesehen haben, auch live erleben."

Informationen zum Film und Bestell adresse für die DVD's im Internet unter www.ilsesweitewelt.de

[03.03.2012, 14:26:40]
Dr. Horst Grünwoldt 
Filwirtschaft
Jeder, der einmal einen kinematographischen Kurs absolviert hat, weiß, daß eine anständige Szene etwa für das menschliche Auge mindestens 10 Sekunden dauern soll. Das wird von den famosen Tierfilmern noch auf eine zugleich spannende, wie auch beruhigende Art ausgedehnt. Schließlich müssen die selbst oft monatelang Geduld haben, um tolle Bilder "in den Kasten" zu bekommen.
Das moderne Kino -insbesondere das USamerikanische- mißachtet diese alte goldene Filmregel reißerisch oft ganz und gar und liefert uns beunruhigende, völlig zerrissene Szenen-Schnipsel, die eigentlich nicht sehenswert sind. Von den dämlichen Dialogen einmal ganz abgesehen...
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (ein alter Kinogänger), Rostock zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Kompromissvorschlag wieder zurückgezogen

Kaum verkündet, ist der Kompromiss zur Pflegeausbildung auch schon wieder vom Tisch. Die genauen Gründe sind unklar. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »