Ärzte Zeitung, 24.10.2012

Kausalität unklar

Erhöhte Demenzrate unter Benzodiazepinen

Beginnen ältere Menschen eine Therapie mit Benzodiazepinen, ist ihr Demenzrisiko um bis zu 60 Prozent erhöht. Ob dies an den Medikamenten liegt, ist allerdings unklar.

Von Thomas Müller

Erhöhte Demenzrate unter Benzodiazepinen - Frage der Kausalität weiterhin unklar

Benzodiazepine werden immer noch gerne gegen Angstzustände und Schlafstörungen gegeben - auch älteren Menschen.

© Monkey Business Images / shutterstock

BORDEAUX. Benzodiazepine werden immer noch gerne gegen Angstzustände, Unruhe und Schlafstörungen gegeben.

Obwohl die Medikamente nach den meisten Empfehlungen maximal nur für einige Wochen genommen werden sollten, ist eine Dauertherapie auch bei älteren Menschen nicht selten.

Daran erinnern französische Forscher um Professor Antoine Pariente von der Universität in Bordeaux (BMJ 2012; 345: e6231).

In einer Kohortenstudie haben sie nun geprüft, ob der Neubeginn einer Therapie mit Benzodiazepinen in den darauffolgenden Jahren mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden ist.

Frühere Studien hatten hierzu recht widersprüchliche Resultate geliefert, in der Mehrzahl wurde ein erhöhtes Demenzrisiko unter Benzodiazepinen festgestellt, in einigen jedoch auch ein erniedrigtes.

Ein Problem bei der Interpretation der Daten ist allerdings, dass die Symptome, gegen die Benzodiazepine verordnet werden, häufig auch zu Beginn einer neurodegenerativen Erkrankung auftreten.

Es ist also unklar, ob die Einnahme von Benzodiazepinen eher den Beginn einer Demenz markiert oder ursächlich an ihrer Entstehung beteiligt ist.

Um den Zusammenhang zumindest etwas präziser zu erfassen, haben die französischen Forscher Studienteilnehmer aus einer repräsentativen Kohorte im Alter von über 64 Jahren mit zeitlicher Verzögerung evaluiert: Nur wer in den ersten fünf Jahren keine Demenz entwickelte, wurde in die Auswertung aufgenommen.

40 Prozent höheres Risiko bei Erstkonsumenten

Zudem berücksichtigten die Studienautoren nur Teilnehmer, die bei Studienanfang noch nicht mit Benzodiazepinen behandelt worden waren. Sie schauten dann, wer im fünften Jahr Benzodiazepine nahm.

Insgesamt konnten Daten von 1063 Personen über einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren ausgewertet werden.

Das Ergebnis: Von den 95 Teilnehmern, die nach fünf Jahren eine Benzodiazepin-Therapie begonnen hatten, entwickelten nach im Median weiteren sechs Jahren 30 Personen (32 Prozent) eine Demenz, von den 968 Teilnehmern ohne Benzodiazepine waren es 223 (23 Prozent).

Wurden Risikofaktoren wie Depressionen, Alter und Therapie mit kardiovaskulären und antidiabetischen Medikamenten berücksichtigt, so ließ sich für die Teilnehmer mit neu begonnener Benzodiazepin-Therapie ein um etwa 60 Prozent erhöhtes Risiko für eine Demenz berechnen.

Als nächstes schauten die Forscher auch nach 8, 10, 13 und 15 Jahren, wer dann jeweils zum ersten Mal Benzodiazepine erhielt. Dadurch konnten sie 116 weitere Personen in die Analyse aufnehmen.

Für alle Erstkonsumenten zusammen ließ sich nur noch ein um 40 Prozent erhöhtes Demenzrisiko berechnen. Schließlich werteten sie nach acht Studienjahren sämtliche Demenzfälle in der Gesamtkohorte (knapp 3800 Personen) aus.

Dosis-Wirkungsbeziehung unklar

Von den Demenzpatienten hatten etwa 50 Prozent jemals in ihrem Leben eine Benzodiazepin-Therapie erhalten, von denen ohne Demenz 41 Prozent - ein relativer Unterschied von weniger als 20 Prozent.

Mit ihrer sorgfältig geplanten Studie können die Wissenschaftler um Pariente aber ebenfalls nicht klären, ob es tatsächlich die Benzodiazepine sind, die das Demenzrisiko erhöhen, oder andere, mit einer Benzodiazepin-Therapie verbundene Faktoren.

So kann auch in dieser Studie trotz zeitlicher Verzögerung nicht ausgeschlossen werden, dass die Medikamente oftmals gegen erstmals auftretende Prodromalsyndrome einer neurodegenerativen Erkrankung wie Ängstlichkeit und Schlafstörungen verordnet wurden.

Möglich ist zudem, dass Benzodiazepine gegen die Symptome anderer schwerer Erkrankungen gegeben wurden, die wiederum mit einem erhöhten Demenzrisiko einhergehen.

So nahmen Patienten mit Benzodiazepinen zum Beispiel dreifach häufiger Plättchenhemmer und zu 50 Prozent häufiger Antihypertensiva ein. Dies wurde zwar in der Analyse berücksichtigt, der Medikamentenkonsum allein sagt allerdings noch nichts über Dauer und Schwere einer kardiovaskulären Erkrankung aus.

Bekannt ist außerdem, dass Benzodiazepine das Sturzrisiko erhöhen. Sind Patienten nach Stürzen immobil und unselbstständig, würde auch dies für ein erhöhtes Demenzrisiko sprechen. Schließlich wurde in der Studie nicht geprüft, ob es eine Dosis-Wirkungsbeziehung gibt.

Die Forscher untersuchten nur den Benzodiazepin-Gebrauch zu einem bestimmten Zeitpunkt, schauten aber nicht, ob das Demenzrisiko mit der Dauer der Behandlung und der kumulierten Dosis steigt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Das Kreuz mit der Kausalität

[24.10.2012, 12:03:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Glanz und Elend einer Studie?
Eine bewundernswerte, über 15-Jahre prospektive PAQUID-Studie aus Frankreich ("Prospective, population based study. PAQUID study, France").

Leider mit einigen methodischen Fragezeichen. Denn von der prospektiven PAQUID- Kohortenstudie mit 3.777 Teilnehmern über 65 Jahre wurden nach umfangreichen Ausschlusskriterien nur 1063 Männer und Frauen im Altersdurchschnitt von 78,2 Jahren inkludiert ("1063 men and women [mean age 78.2 years]"). Bei diesen wurden im 15-Jahres Follow-Up 253 Fälle von Demenz bestätigt - in 32% Häufigkeit (30 Fälle) bei Benzodiazepin-Gebrauch und in 23% Häufigkeit (223 Fälle) bei Nicht-Anwendung, also nur 9% seltener o h n e Medikation ("During a 15 year follow-up, 253 incident cases of dementia were confirmed - 30 [32%] in benzodiazepine users and 223 [23.0%] in non-users").

Spätestens hier kommen die meisten Leser ins Grübeln. Denn die für die entscheidende Schlussfolgerung relevante Zahl der Personen, welche eine N e u-Verordnung von Benzodiazepin erhielten, lag nur bei 95 ("limited number of new users at baseline [n=95]"). Das ist nicht nur m. E. eine viel zu geringe Zahl von Indexpersonen (2,5%) für signifikante Aussagen, angesichts einer Grundpopulation von 3.777 der PAQUID-Kohorte.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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