Ärzte Zeitung online, 15.10.2013

Pilotstudie

Ergometer-Training stabilisiert Alzheimerkranke

Trainieren Demenzkranke zu Hause auf einem speziellen Ergometer, verbessert dies nicht nur die Alltagsfunktionen, es entlastet auch die Angehörigen. Der Nutzen könnte größer sein als bei einer Arzneitherapie.

Von Thomas Müller

Ergometer-Training stabilisiert Alzheimerkranke

Regelmäßiges Ausdauertraining stärkt Herz und Kreislauf. Sport kann aber noch viel mehr: Bei Demenzkranken werden durch Ergometer-Training offenbar auch Hirnleistung und Verhalten günstig beeinflusst.

© fotos4people/fotolia.com

DRESDEN. Mit den bisherigen Medikamenten lässt sich eine Alzheimerdemenz zwar etwas bremsen, der Nutzen der Arzneien ist aber eher moderat und neue spezifische Medikamente für Alzheimerkranke sind nicht in Sicht.

Umso wichtiger sind nach Auffassung von Professor Vjera Holthoff vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden neben der leitliniengerechten Arzneitherapie auch nicht-medikamentöse Verfahren.

Ob ein gezieltes Bewegungstraining bei leicht bis moderat erkrankten Alzheimerpatienten nützt, hat ihre Arbeitsgruppe in einer Pilotstudie geprüft.

Erste Daten hat Holthoff nun auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Dresden vorgestellt, und danach kann Sport selbst bei Demenzkranken die Hirnleistung und das Verhalten günstig beeinflussen.

Praxistauglicher Ansatz gesucht

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Hinweise auf einen Nutzen von körperlicher Bewegung bei Demenzkranken gibt es bislang nur aus wenigen Studien. Holthoff nannten vier randomisiert kontrollierte Untersuchungen.

In allen ließen sich günstige Wirkungen durch Laufen, Ausdauer-, Gleichgewichts- und Koordinationstraining bei Alzheimerkranken nachweisen. Allerdings fanden die Übungen meist unter Anleitung von Spezialkräften in Pflegeheimen oder außer Haus statt.

Holthoff und ihr Team wollten nun aber schauen, ob es auch möglich ist, Alzheimerpatienten weitgehend ohne fremde Hilfe zu Hause trainieren zu lassen.

Für ihre Studie MOTODEM wählten sie einen praxisnahen Ansatz: Die Patienten bekamen einen speziellen Ergometer, bei dem sie auf einem normalen Stuhl sitzen bleiben können.

Das Gerät wird so an den Stuhl geschoben, dass die Patienten Pedale und Lenker gut erreichen können. Für die Studie sollten die Alzheimerkranken dreimal 30 Minuten pro Woche zu Hause üben.

Die pflegenden Angehörigen waren instruiert worden, lediglich das Training zu initiieren und den Raum zu verlassen, sobald die Patienten auf dem Ergometer aktiv waren.

Häufiger Bewegungswechsel

Die Geräte waren so programmiert, dass alle fünf Minuten ein Wechsel der Bewegung nötig war, etwa vor- oder zurücktreten. In präklinischen Studien, so Holthoff, sei eine abwechslungsreiche Bewegung besonders gut für die Hirnleistung gewesen.

Zudem wurde die Aktivität der Teilnehmer mit dem Gerät aufgezeichnet. Die Forscher konnten also schauen, ob sich die Patienten tatsächlich an das Trainingsprogramm hielten.

Insgesamt nahmen 30 Alzheimerkranke an der Pilotstudie teil. Das Durchschnittsalter lag bei 72 Jahren, der Wert im Mini-Mental-Status-Test im Schnitt bei 22 Punkten.

Alle wurden leitliniengerecht mit Antidementiva behandelt, die Hälfte bekam zusätzlich den Ergometer für drei Monate.

Bessere Alltagsfunktion

Die Ergebnisse: Eines der wichtigsten Ergebnisse für Holthoff ist die Beobachtung, dass die Patienten tatsächlich gerne und regelmäßig trainierten - ein Heimtraining scheint also praktisch möglich zu sein.

Die Alltagsfunktion der Patienten, erfasst mit der ADCS-Skala, hatte sich mit dem Heimtraining leicht verbessert. Der Wert stieg von anfangs 60,5 auf 62 Punkte, in der Kontrollgruppe nahm er jedoch von 60,5 auf 57,5 deutlich ab.

Drei Monate nach dem Training war der ADCS-Wert in der Trainingsgruppe immer noch einen Punkt höher als zu Beginn, in der Kontrollgruppe war er noch weiter gefallen und lag bei nur noch 53,5 Punkten - ein Unterschied von acht Punkten zur Interventionsgruppe.

In ähnlicher Weise kam es bei den Exekutivfunktionen in den Trainingsmonaten zu einer leichten Verbesserung. In den drei Monaten nach dem Trainingsende fiel diese kognitive Leistung dann wieder auf ein ähnliches Niveau wie zu Beginn zurück.

In der Kontrollgruppe verschlechterte sich die Exekutivfunktion hingegen kontinuierlich.

Leichte Verbesserungen zeigten sich auch bei den motorischen Fähigkeiten. Mussten die Patienten nach einem fallenden Stab greifen, so waren die Reaktionszeiten in der trainierten Gruppe nach drei Monaten deutlich besser als zuvor, nicht so bei untrainierten Patienten.

Ängste und Agressionen viel seltener

Ein deutlicher Unterschied war auch bei Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten. Der Summenwert des Neuropsychiatrischen Inventars (NPI) verbesserte sich in der Gruppe mit Training leicht von etwa 11 auf 10 Punkte, in der Kontrollgruppe verschlechterte er sich von etwa 12 auf 16 Punkte.

Die Differenz von sechs Punkten war auch nach sechs Monaten noch zu beobachten. Vor allem Ängste und Aggressionen traten in der Trainingsgruppe viel seltener auf.

Offenbar profitierten davon auch die Angehörigen: Der Wert beim NPI blieb mit etwa sechs Punkten in der Trainingsgruppe weitgehend konstant, bei Angehörigen aus der Kontrollgruppe verschlechterte er sich hingegen von 6 auf 9 Punkte.

Besonders Erregung und Aggressionen nahmen bei den Angehörigen in der Gruppe mit trainierten Alzheimerpatienten signifikant ab, dagegen nahmen solche Symptome in der Kontrollgruppe deutlich zu.

Holthoff hält die Unterschiede für klinisch relevant und zum Teil ausgeprägter als dies bei einer antidementiven Therapie der Fall ist.

Ob und wie lange der Trainingseffekt anhält, sei jedoch noch ungeklärt und müsse nun in größeren und länger dauerenden Studien geprüft werden.

Jedenfalls scheint eine Bewegungstherapie zusätzlich zur Arzneitherapie die Patienten etwas zu stabilisieren und die Angehörigen zu entlasten.

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