Ärzte Zeitung online, 28.01.2014

Geistiger Abbau

Mehr als zwei Bier am Tag merkt sich das Hirn

Für viele eine erfreuliche Nachricht: ein moderater Alkoholkonsum im mittleren Lebensalter scheint dem Hirn nicht zu schaden. Erst bei mehr als 35 Gramm pro Tag wird es kritisch. Aber das ist eine Frage des Geschlechts.

Von Thomas Müller

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Ein kühles Blondes: Wie so oft macht die Dosis das Gift.

© Nik Frey / fotolia.com

LONDON. An der Frage, wie viel Alkohol der Körper verkraftet, ohne langfristig Schaden zu nehmen, und bei welcher Dosis der Nutzen überwiegt, scheiden sich bekanntlich die Geister.

Glaubt man den Hunderten von epidemiologischen Studien, die zu diesem Thema bereits erschienen sind, dann ist bei Wein- und Biergenießern die Gefahr nicht nur für Herzkreislauferkrankungen, sondern auch für eine Demenz geringer, allerdings nur, solange der Alkoholkonsum im moderaten Bereich liegt.

Ab einer Dosis von 30 Gramm pro Tag und Mann beginnt der Blutdruck zu steigen, und damit auch das Demenz- und Schlaganfallrisiko. Als unkritisch gelten nach aktuellen Empfehlungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) für Männer höchstens 24 Gramm. Für Frauen ist dieser Grenzwert mit 12 Gramm pro Tag nur halb so hoch.

US-amerikanische Empfehlungen sind mit maximal 20 Gramm für Männer und 10 Gramm für Frauen noch etwas restriktiver. 20 Gramm Alkohol - das entspricht ziemlich genau der Menge, die in einem halben Liter Bier enthalten ist. Bis zu diesen Mengen ließ sich in diversen Studien der größte Nutzen von Alkohol zeigen.

Allerdings wird immer wieder bezweifelt, ob die beobachteten Effekte tatsächlich auf den Alkoholkonsum zurückzuführen sind. So verzichten viele Abstinenzler deswegen auf Alkohol, weil sie chronisch krank sind. Im Vergleich zu noch gesunden Alkoholtrinkern haben sie also insgesamt eine schlechtere Prognose.

Hinzu kommt, dass gerade bei älteren Menschen der aktuelle Alkoholkonsum oft wenig darüber aussagt, was sie zeitlebens getrunken haben.

Um das Demenzrisiko bei Alkoholgenießern zu erfassen, ist es vielleicht besser, den Konsum im mittleren Lebensalter zu untersuchen, und nicht den im höheren Alter. Genau das wird in der prospektiven Kohortenstudie Witehall II mit über 10.000 britischen Beamten getan.

Zwei Drittel trinken geringe Alkoholmengen

Ein Team um Dr. Séverine Sabia vom University College in London hat nun Daten dieser Studie zu über 5000 Männern und knapp 2100 Frauen im mittleren Lebensalter (im Schnitt 56 Jahre) ausgewertet (Neurology 2014; 82: 332).

Bei ihnen war im Laufe von zehn Jahren dreimal der Alkoholkonsum per Fragebogen erfasst worden. Die Forscher schauten zugleich, wie stark die kognitive Leistung, die sie mit einer Testbatterie erfassten, in dieser Zeit zurückging.

Sabia und ihre Kollegen teilten die Studienteilnehmer in mehrere Gruppen ein: komplette Abstinenzler, gelegentliche Alkoholtrinker (weniger als ein Drink pro Woche) und regelmäßige Alkoholtrinker.

In der dritten Gruppe unterschieden sie zwischen solchen, die wenig tranken (unter 20 g/d bei Männern und 10 g/d bei Frauen), solche die moderat tranken (20-36 g/10-19 g) und Teilnehmer mit hohem Konsum (über 36 g/19 g). Insgesamt zeigten zwei Drittel der Teilnehmer nach diesen Kriterien eine niedrigen Konsum und weniger als 10 Prozent einen hohen Konsum.

Im Laufe der zehn Jahre hatte die kognitive Leistung, zusammengefasst in einem Summenscore, im Schnitt um etwa 0,4 Standardabweichungen (SD) abgenommen, speziell beim Gedächtnis um 0,27 SD.

Im Vergleich zu Männern mit geringem Alkoholkonsum ging die kognitive Funktion bei keinem oder gelegentlichem Alkoholkonsum etwas stärker zurück (minus 0,01 und 0,02 SD), bei moderaten Trinkern war der Abbau etwas geringer (plus 0,01 SD), die Unterschiede waren jedoch nicht signifikant.

Bei den starken Trinkern fanden die Forscher hingegen einen um 0,1 SD beschleunigten geistigen Abbau, und dieser war durchaus signifikant. Übersetzt in Lebensjahre war das Gehirn bei den Männern mit hohem Alkoholkonsum damit um zusätzliche zweieinhalb Jahre gealtert.

Der schnellere Abbau manifestierte sich am deutlichsten beim Gedächtnis: Hier entsprach er sogar einer zusätzlichen Alterung von knapp sechs Jahren.

Hypertonie als Ursache?

Bei den Frauen ergab sich ein etwas anderes Bild: Hier verlief der geistige Abbau in allen Gruppen schneller als in der Gruppe mit geringem Alkoholkonsum. Signifikant war der Unterschied mit minus 0,21 SD jedoch ausgerechnet in der Gruppe der Abstinenzler: Bei Frauen, die komplett auf Alkohol verzichteten, war das Gehirn um fünf zusätzliche Jahre gealtert.

Auf den ersten Blick sind diese Daten etwas verwirrend. Ist der Verzicht auf Alkohol vielleicht sogar schädlich? Wohl kaum.

Das Bild entzerrt sich etwas, wenn man sich die Gruppe der Abstinenzler genauer anschaut: Der Anteil der Frauen mit einer Hypertonie liegt hier bei mehr als 44 Prozent, in der Gruppe der Frauen mit regelmäßigem Alkoholkonsum dagegen sind es weniger als 35 Prozent. Nun ist bekannt, dass eine Hypertonie mit einem beschleunigten geistigen Abbau einhergeht.

Das könnte die Ergebnisse weitgehend erklären, denn die Studienautoren haben zwar eine ganze Reihe von Begleitfaktoren bei der Kalkulation ihrer Resultate berücksichtigt, nicht aber eine Hypertonie.

Es liegt nahe, dass die Frauen aufgrund ihrer Hypertonie und einer erhöhten Prävalenz von kardiovaskulären Erkrankungen keinen Alkohol getrunken haben. Umgekehrt fällt auf, dass die Prävalenz einer KHK mit der Alkoholmenge sinkt und bei den Frauen mit dem höchsten Konsum fünffach geringer war als bei den Abstinenzlern und noch gut dreimal geringer als bei den Wenigtrinkern.

Auch bei den Männern kann der Hypertonikeranteil einiges erklären, er war bei den Nichttrinkern als auch den Vieltrinkern erhöht - bei Letzteren möglicherweise gerade aufgrund des hohen Alkoholgenusses.

Letztlich lässt sich aus der Studie wohl nur eine klare Schlussfolgerung ziehen: Männer können sich bis zu zwei Bier oder eine halbe Flasche Wein am Tag gönnen, ohne dass ihr Hirn mittelfristig darunter leidet.

Dass ein solcher Konsum auch langfristig nicht schadet, darauf sollte man sich aber nicht verlassen. Besser Mann bleibt bei weniger als 25 g und Frau bei weniger als 12 g Ethanol pro Tag, dann ist auch nach den Daten anderen Studien kein Schaden zu erwarten.

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