Ärzte Zeitung, 01.10.2014

Erhöhtes Alzheimer-Risiko

Benzodiazepine unter Verdacht

Wer Benzodiazepine einnimmt, könnte damit sein Risiko für Alzheimer erhöhen. Neue Daten legen einen kausalen Zusammenhang nahe.

Von Beate Schumacher

Benzodiazepine unter Verdacht

Bei (früheren) Anwendern von Benzodiazepinen wird häufiger Alzheimer Demenz diagnostiziert.

© psdesign1/fotolia.com

BORDEAUX. Bislang gibt es keine effektive Therapie für Alzheimerkranke - umso wichtiger ist die Suche nach vermeidbaren Risikofaktoren.

Ein solcher Risikofaktor könnte Studien zufolge die Behandlung mit Benzodiazepinen sein. Es ist jedoch umstritten, ob die Tranquilizer wirklich eine Ursache oder nur ein Marker für die Demenz sind.

Zumindest akut sind negative Auswirkungen der Arzneien auf Gedächtnis und Kognition gut belegt. Von daher ist es vorstellbar, dass sie auch dauerhafte Schäden setzen und eine Alzheimerdemenz begünstigen können.

Andererseits sind die Einsatzgebiete für Benzodiazepine - Angst- und Spannungszustände und damit zusammenhängende Schlafstörungen - häufige Prodromi von Morbus Alzheimer. Es lässt sich daher nicht ausschließen, dass Benzodiazepin-Einnahme lediglich ein Indikator ist für eine sich anbahnende Demenz.

Nach einer Studie der Unikliniken von Bordeaux und Montreal schwingt das Pendel aber eher in Richtung einer kausalen Beziehung. Danach könnten Benzodiazepine das Alzheimerrisiko um etwa 50 Prozent erhöhen, und zwar insbesondere beim Langzeitgebrauch (BMJ 2014; 349: g5205).

Um 51 Prozent erhöhte Alzheimerrate

In der Studie waren Versicherungsdaten von 1796 Patienten mit und 7184 Patienten ohne Alzheimer verglichen worden. Um eine reverse Kausalität - also eine Benzodiazepinbehandlung wegen Alzheimervorzeichen - auszuschließen, waren nur Verordnungen analysiert worden, die zwischen fünf und zehn Jahre vor der Diagnose erfolgt waren.

Dabei stellte sich heraus, dass Alzheimerpatienten häufiger irgendwann (49,8 vs. 40,0 Prozent) und häufiger langfristig (32,9 vs. 21,8 Prozent) Benzodiazepine bekommen hatten.

Insgesamt war die Anwendung von Benzodiazepinen mit einer um 51 Prozent erhöhten Alzheimerrate verbunden. Selbst nach Abgleich gegen Angst, Depression und Insomnie blieb ein Anstieg des Erkrankungsrisikos um 43 Prozent.

Der Zusammenhang war jedoch nur dann zu erkennen, wenn die Patienten mehr als 90 Tagesdosen erhalten hatten. Mit 91 bis 180 Tagesdosen war das Alzheimerrisiko um 32 Prozent und mit mehr als 180 um 84 Prozent erhöht.

Außerdem waren lang wirksame Benzodiazepine mit einem stärkeren Anstieg der Erkrankungsrate assoziiert (+70 Prozent) als kurz wirksame (+43 Prozent).

Reduzieren die Tranquilizer die kognitiven Reserven?

"Unsere Studie stützt den Verdacht eines erhöhten Alzheimerrisikos bei Benzodiazepinanwendern, insbesondere bei Langzeitanwendern", schreiben die Autoren um Sophie Billioti de Gage aus Bordeaux.

Sie vermuten, dass die Tranquilizer die kognitiven Reserven reduzieren und damit auch die Fähigkeit, erste durch die Alzheimerpathologie verursachte Nervenläsionen zu kompensieren.

Benzodiazepine seien zwar "wertvolle Substanzen zur Behandlung von Angststörungen und vorübergehender Insomnie" . Die Behandlungsdauer solle aber - wie in internationalen Leitlinien empfohlen - drei Monate nicht überschreiten.

In Anbetracht der neuen Daten sei es noch wichtiger, "Nutzen und Risiken bei Neu- und Weiterverordnungen sorgfältig zu überprüfen". Benzodiazepine sollten so kurz wie möglich verordnet werden, bevorzugt Substanzen mit kurzer Halbwertszeit.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Nicht beruhigend

[01.10.2014, 08:57:16]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wundermittel gegen Morbus Alzheimer? - Keine "Benzos" mehr geben?
Da gibt es eine brandneue, experimentelle Studie im JAMA: http://archneur.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1875833
der zufolge Schlafunterdrückung oder verlängertes Wach-Sein den physiologischen morgendlichen Abfall von Aß42 (Cerebrospinal Fluid Beta-Amyloid 42) stören würde. Die Hypothese lautet, dass chronischer Schlafentzug die zerebralen Aß42 Spiegel ansteigen lässt, was wiederum das Risiko einer Alzheimer Erkrankung erhöht. ["Conclusions and Relevance - Sleep deprivation, or prolonged wakefulness, interferes with a physiological morning decrease in Aß42. We hypothesize that chronic sleep deprivation increases cerebral Aß42 levels, which elevates the risk of Alzheimer disease."].

Gibt man dann jedoch zur Verbesserung des für Morbus Alzheimer typischen fraktionierten Schlafes bei Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn als Wirksubstanz Benzodiazepine, um Symptomatik bzw. Belastungen für Bezugspersonen zu reduzieren, tritt laut British Medical Journal ein Publikations-Team unter der Leitung einer Studentin der Pharmakoepidemiologie, Sophie Billioti de Gage, "PhD student am INSERM, U657-Pharmacoepidemiology, Université de Bordeaux, France", auf den Plan, um unter Verwechslung von Ursache, Wirkung und Kausalität gemeinsam mit hochkarätig desorientierten Ko-Autoren mittels einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie etwas zu beweisen, was noch nicht einmal für eine zufällige Koinzidenz hinreicht: "Benzodiazepine use and risk of Alzheimer’s disease: case-control study".

http://www.bmj.com/content/349/bmj.g5205
postuliert auf geradezu fantastische Art und Weise, dass der Gebrauch von Benzodiazepinen mit einem erhöhten Risiko der Alzheimer-Krankheit assoziiert ist ... "Unkontrollierter Langzeitgebrauch dieser Medikamentengruppe sollte als eine ernsthafte öffentliche Gesundheitsgefahr betrachtet werden", heißt es frei von jeglichem Kausalitäts- oder Assoziationsbeweis. ["Conclusion - Benzodiazepine use is associated with an increased risk of Alzheimer’s disease. The stronger association observed for long term exposures reinforces the suspicion of a possible direct association, even if benzodiazepine use might also be an early marker of a condition associated with an increased risk of dementia. Unwarranted long term use of these drugs should be considered as a public health concern."].

Es ist keine Überraschung, dass Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen als Pharmakovigilanz-Forscher auf diesen Zug aufspringt. Aber auch Prof. Dr. med. Richard Dodel sieht unter
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/60175/Praevention-rueckt-bei-Alzheimer-in-den-Fokus
hier einen vermeintlichen Alzheimer-Präventionsansatz: "Wir verfügen im Augenblick über keine kausale, krankheitsmodifizierende Therapie. Diese zeichnet sich leider auch noch nicht ab. Im Augenblick ist daher die Prävention stark in den Fokus gerückt."

Genauso gut könnte der vermehrte Gebrauch von Plastik-Einkaufstüten die zunehmende Alzheimer-Inzidenz und -Prävalenz nahe legen. So einfach und so schlicht gestrickt geht Medizin und Pharmakoepidemiologie; in letzterem Fachgebiet ist die Erde wohl noch eine Scheibe?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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