Ärzte Zeitung, 21.09.2015

Alzheimer

Heilung nicht in Sicht

Das Thema Demenz bewegt sehr viele Menschen in Deutschland - nicht nur am Welt-Alzheimer-Tag am 21. September. Doch frohe Kunde lässt auf sich warten: Mit einer Therapie, die die Betroffenen heilt, ist so bald nicht zu rechnen.

Ein Leitartikel von Peter Leiner

Heilung nicht in Sicht

Erinnerungen festhalten: Bei hochbetagten Frauen war die Prävalenz von Demenz zuletzt rückläufig.

© Gabriele Rohde / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Passend zum Welt-Alzheimer-Tag am 21. September geisterte vor Kurzem die Meldung durch die Gazetten, die Demenz vom Alzheimer-Typ sei möglicherweise ansteckend.

Doch die veröffentlichten Ergebnisse der Untersuchung von acht Gehirnen, welche von Patienten stammten, die mit Hormonen aus menschlichen Hypophysenextrakten behandelt worden waren, stützt diese gewagte These nicht.

Fast könnte man meinen, dass immer, wenn etwas in der Medizin nicht gut zu verstehen ist, irrationale Ängste geschürt werden, wie es zu Anfang der HIV-Pandemie der Fall war, als manche im Zusammenhang zu den möglichen Ansteckungsarten verbreiteten, der Aids-Erreger könne "durch die Luft fliegen".

Erste, wenn auch bescheidene Erfolge

Doch anders als bei dem Aids-Erreger, den die Virologen fast schon in- und auswendig kennen, gibt es bei der Pathogenese des Morbus Alzheimer, der mit einem Anteil bis zu 70 Prozent häufigsten Demenzform, an der in Deutschland geschätzt etwa eine Million Menschen erkrankt sind, noch einige Wissenslücken.

Die von sehr vielen favorisierte Hypothese der Alzheimerentstehung beruht auf der Bildung von extrazellulären Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Daher sind Wissenschaftler schon lange auf der Suche nach Medikamenten, die diese Plaques abbauen oder bereits deren Entstehung verhindern.

Dass die Forscher mit bestimmten Antikörpern bei Patienten jüngst erste, wenn auch bescheidene Erfolge vermelden konnten, bestätigt, dass die toxischen Amyloidablagerungen zumindest an der Pathogenese beteiligt sind.

Möglicherweise müssen Patienten früher als bisher mit solchen Studienpräparaten behandelt werden, um auch einen klinischen Erfolg zu sehen. Was in Tierversuchen mit Mäusen klappt, ist allerdings nicht zwangsläufig bei Patienten zu erwarten.

Darauf machen auch Kritiker wie Professor Karl Herrup von der Rutgers University in New Brunswick und der Universität von Hongkong aufmerksam. Er glaubt, die Zeit sei reif, die Amyloid-Hypothese zu überdenken (Nat Neuroscience 2015; 18: 794).

Eines seiner Argumente ist, dass Beta-Amyloid zur Alzheimerentstehung weder notwendig noch ausreichend ist: Patienten mit vielen Ablagerungen können trotzdem frei von kognitiven Einbußen sein. Er schätzt, dass das bei einem Viertel bis zu einem Drittel der Älteren der Fall ist.

Und: Die Diagnose Alzheimer kann auch gestellt werden ohne Amyloid-Plaques. Die direkte Entwicklungslinie von Beta-Amyloid-Aggregaten zu Morbus Alzheimer hält er als Erklärung für unzureichend.

Auch Tau-Fibrillen im Fokus

Andere Forscher halten den zweiten pathogenetischen Faktor im Gehirn, die intrazellulären Tau-Fibrillen, für die Entwicklung von Morbus Alzheimer für noch wichtiger als das Beta-Amyloid, und schon gibt es mehrere klinische Studien, in denen geprüft wird, ob sich - ebenfalls mithilfe von Antikörpern - die Fibrillen durch die Immuntherapie entfernen lassen (Trends Mol Med Volume 2015; 21: 394).

Schließlich hat man bei Patienten mit Alzheimer- und vaskulärer Demenz Autoantikörper entdeckt, die Hirngefäße schädigen (Arch Euromedica 2015; 5: 26).

Gibt es Lichtblicke bei der Demenzentwicklung in Deutschland? Zumindest gibt es Hinweise darauf, dass bei Frauen im Alter zwischen 74 und 85 Jahren, aber nicht bei Männern, zwischen 2007 und 2009 eine Reduktion der Prävalenz zwischen einem und zwei Prozent pro Jahr zu beobachten war, wie einer aktuellen Studie von Wissenschaftlern der Universität Rostock auf der Basis von AOK-Daten zu entnehmen ist (Alzheimer's & Dementia 2015; 11: 291).

Ein ähnlicher bei Männern beobachteter Trend war jedoch nicht signifikant, möglicherweise aufgrund der unterschiedlichen Lebenserwartungen. Und im Welt-Alzheimer-Report 2015 heißt es beim Blick in die Zukunft, dass eine frühzeitige Reduktion von Risikofaktoren um zehn Prozent wie Hypertonie, Rauchen, Adipositas und Diabetes sowie nicht zuletzt schlechter Bildung die Prävalenz der Demenz bis 2050 um 8,3 Prozent vermindern könnte.

Symptomlinderung im Fokus

Während sich derzeit hoffnungsvolle Entwicklungen in der Arzneimittelforschung abzeichnen, muss weiterhin die Symptomlinderung im Fokus der Behandlung von Alzheimerpatienten bleiben, wofür vor allem Antidementiva, Antidepressiva und Nootropika sowie manche Neuroleptika (eher zurückhaltend angewendet), zur Verfügung stehen.

Nicht zuletzt nichtmedikamentöse Strategien wie Verhaltens-, Physio- und Ergotherapie sowie Gedächtnistraining und Musiktherapie helfen darüber hinaus, das Leben von Patienten mit Morbus Alzheimer - und derjenigen, die sie betreuen -leichter zu machen.

Dass angesichts der Lücken bei den Erkenntnissen zur Pathogenese die Primärprävention weiter im Fokus stehen muss, versteht sich von selbst. Eine Heilung wird es so bald nicht geben.

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