Ärzte Zeitung, 22.10.2015

Wenn Amyloidplaques fehlen

Das Alzheimer-Rätsel

Jeder vierte Alzheimerkranke hat kaum Amyloidablagerungen im Gehirn - dabei gilt genau das als Beweis für die Erkrankung. Forschern zufolge könnte dies einer der Gründe sein, weshalb es noch kein Medikament gegen Alzheimer gibt.

Von Thomas Müller

Das Alzheimer-Rätsel

Der Anteil von Alzheimerpatienten ohne Amyloidpathologie ist recht hoch, belegt eine neue Studie

© Andrea Danti / fotolia.com

SEATTLE. Hat ein Viertel der Alzheimerpatienten gar keinen Morbus Alzheimer? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, sie hängt letztlich davon ab, ob man Alzheimer klinisch oder pathologisch definiert.

Zwischen beiden Definitionen klafft offenkundig eine große Lücke: Bei einem erheblichen Teil der Patienten mit einer klinischen Alzheimerdiagnose fehlen pathologische Marker wie Amyloidplaques oder Taufibrillen, was sich in der Vergangenheit nur per Autopsie feststellen ließ und seit Neuestem auch per PET in vivo überprüft werden kann.

Liegt aber keine Amyloidpathologie vor, so können auch die vielen Medikamente nicht wirken, die derzeit gegen Beta-Amyloid entwickelt werden. Vielleicht lässt sich damit das Scheitern so vieler Studien mit Anti-Amyloid-Antikörpern etwas besser verstehen.

35 Prozent ohne Alzheimerdemenz

Dass der Anteil von Alzheimerpatienten ohne Amyloidpathologie recht hoch ist, belegt nun eine neue Autopsiestudie. Forscher um Dr. Sarah Monsell von der Universität in Seattle haben sich die Gehirne von 200 Demenzpatienten nach deren Tod genauer angeschaut (JAMA Neurol 2015; online 24. August).

Sie schlossen dabei nur solche in ihre Untersuchung ein, bei denen die Ärzte vor dem Tod eine leichte bis moderate Alzheimerdemenz festgestellt hatten - der Wert beim letzten Mini-Mental-Status-Test (MMST) musste zwischen 16 und 24 Punkten liegen.

Die Patienten hatten im Mittel ein Alter von 85 Jahren erreicht, im Schnitt war die letzte Evaluierung mit dem MMST acht Monate vor dem Tod erfolgt, die Hälfte trug ein Apo-E4Allel.

Bei allen Patienten war vor dem Tod eine mögliche oder wahrscheinliche Alzheimerdemenz nach den aktualisierten Kriterien aus dem Jahr 2011 erkannt worden.

Für eine wahrscheinliche Alzheimerdemenz ist bekanntlich ein Biomarkerbefund zusätzlich zu den kognitiven Symptomen erforderlich, also etwa der Nachweis einer Hirnatrophie in der Bildgebung oder ein auffälliger Liquor.

Trotzdem ließ sich bei 70 (35 Prozent) aller untersuchten Patienten post mortem keine primäre Alzheimerdemenz nachweisen.

Sieben dieser Patienten hatten einen normalen Hirnbefund, bei elf waren die neuropathologischen Veränderungen nicht ausreichend, und bei 52 der Verstorbenen (26 Prozent aller Untersuchten) stellten die Pathologen primär andere neurodegenerative Erkrankungen fest, vorwiegend vaskuläre Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz, Hippocampussklerose, frontotemporale Demenz oder eine nicht näher bestimmte primäre Tauopathie.

Insgesamt fanden die Forscher bei einem Viertel aller untersuchten Patienten nach den CERAD-Kriterien keine übermäßige Zahl von Amyloidplaques.

Wurden nur die 100 Patienten ohne Apo-E4-Allel betrachtet, so hatten 37 Prozent davon nicht genug Amyloidklumpen im Gehirn, um für die Pathologen als alzheimerkrank zu gelten, bei den Patienten mit Apo E4 waren es hingegen nur 13 Prozent. Die klinische Symptomatik plus Apo E4 deuten also immerhin sehr stark auf eine Alzheimerdemenz.

Viel Tauprotein auch bei Gesunden

Die Forscher um Monsell fanden zudem, dass Patienten mit geringer Amyloidlast auch seltener große Mengen an Alzheimerfibrillen aus Tauprotein aufwiesen. Dies war sowohl bei Patienten mit als auch ohne Apo E4 zu beobachten.

Der Anteil der Patienten mit Braak-Stadien III-VI betrug hier 45 Prozent, bei Demenzkranken mit hoher Amyloidlast lag er hingegen bei 95 Prozent. Viel Amyloid geht danach fast immer auch mit viel verklumptem Tauprotein einher, nicht aber umgekehrt.

Die Gruppe um Monsell untersuchte nun auch 155 Gehirne von älteren Personen, die ohne kognitive Auffälligkeiten gestorben waren. Von diesen zeigten zwei Drittel keine übermäßige Zahl von Amyloidplaques.

Dennoch fanden die Wissenschaftler auch bei 35 Prozent dieser Gehirne eine deutliche Belastung mit Taufibrillen (Braak III-VI). Sie gehen davon aus, dass eine gewisse Tau-Verklumpung altersbedingt normal ist und nicht zwangsläufig zur Demenz führt.

Das Gleiche ließe sich allerdings auch für die Amyloidplaques sagen, schließlich zeigte ein Drittel der kognitiv Gesunden eine hohe Amyloidbelastung.

Solche Untersuchungen zeigen also einmal mehr, wie sinnvoll es ist, von einer definitiven Alzheimerdiagnose immer nur dann auszugehen, wenn neben einer klinischen Demenz auch Amyloidplaques und zugleich Taufibrillen im Übermaß vorhanden sind.

Die Studie von Monsell und Mitarbeitern liegt zudem in einer Linie mit einer Post-mortem-Analyse von Forschern aus Hawaii und einer PET-Analyse in zwei Therapiestudien mit dem Antikörper Bapineuzumab: Auch hier fehlte bei einem Viertel bis einem Drittel der Patienten mit klinischer Alzheimerdiagnose die Amyloidpathologie.

[23.10.2015, 12:00:57]
Cornelia Stolze 
Die Alzheimer-Forschung strotzt vor Widersprüchen
Liebe Kollegen,lieber Herr Müller,
darf ich Sie auf mein 2011 erschienenes Buch "Vergiss Alzheimer" (Verlag Kiepenheuer &Witsch) hinweisen? Es hat in den vergangenen Jahren sowohl in den Medien als auch in Medizinerkreisen für ziemlich viel Aufmerksamkeit gesorgt. Darin habe ich nicht nur über den hier von Ihnen aufgegriffenen Widerspruch in der Alzheimer-Forschung berichtet. Ich habe auch viele Belege dafür geliefert, dass Mediziner und Pharmafirmen mit ihrer Fixierung auf Plaques und Fibrillen als Hauptübeltäter bei der Entstehung von Demenz offensichtlich auf dem Holzweg sind - und die Öffentlichkeit seit Jahren mit einem falschen Konzept von Früherkennung, Diagnostik und Therapie in die Irre führen. Das Geschäft mit der Angst vor dem Vergessen und (falschen) Versprechen von Hoffnung und Heilung ist eben sehr effektiv und einträglich... zum Beitrag »
[22.10.2015, 14:44:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Morbus Alzheimer keine reine Apolipoprotein- und Amyloidpathologie!
Wenn in der JAMA-Publikation: "Characterizing Apolipoprotein E e4 Carriers and Noncarriers With the Clinical Diagnosis of Mild to Moderate Alzheimer Dementia and Minimal ß-Amyloid Peptide Plaques" von S. E. Monsell et al. die klinisch oder ambulant tätigen Ärzte v o r dem Tod ihrer Patientinnen und Patienten eine leichte bis moderate Alzheimerdemenz festgestellt hatten, ist diese Alzheimer-Demenz schon als reine Vermutung vielleicht eine glatte Fehldiagnose?

Denn die Patienten im Alter von durchschnittlich 85 Jahren mit einem Mini-Mental-Status-Test (MMST) von 16 bis 24 Punkten hatten:

• in 35 Prozent aller untersuchten Patienten post mortem gar k e i n e primäre Alzheimerdemenz
• in 26 Prozent aller Untersuchten primär a n d e r e neurodegenerative Erkrankungen wie vaskuläre Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz, Hippocampus-Sklerose, frontotemporale Demenz oder eine sogenannte primäre Tauopathie.

Somit lagen in 61 Prozent aller Fälle k e i n e Alzheimer-Demenzen vor. Eine Spezifität von 39 Prozent bei u. U. noch schlechterer Sensitivität des Mini-Mental-Status-Test ist m. E. indiskutabel. Kognitiver Abbau und mentale Einschränkungen bei einer Studienpopulation von durchschnittlich 85 Jahre alten Patienten sind auch ein klassischer, physiologischer Alterungseffekt. Dies wird durch 7 Patienten mit normalen Hirnbefunden und 11 mit geringen neuropathologischen Veränderungen unterstrichen.

Die Alzheimerdiagnose lässt sich nicht monokausal auf die Apolipoprotein- und Amyloidpathologie herunterbrechen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[22.10.2015, 10:35:12]
Dr. Michael Traub 
Alzheimer ist nicht gleich Alzheimer
In meiner Ausbildungszeit gab es noch die chronische Emphysembronchitis, wobei allein
schon das Emphysem röntgenologisch, mittels Lungenfunktion und klinisch verschieden
definiert wurden. Inzwischen ist es gelungen, genauer zu differenzieren. Genauso so wird
es beim Alzheimer geschehen, bei dem heute schon verschiedene Formen unterschieden
werden, wobei natürlich auch die Forschungsergebnisse der Pathologen mitberücksichtigt
werden müssen. Nur so wird es zu therapeutischen Fortschritten kommen. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Das war der Ärztetag 2017 in Bildern

Das war er nun, der 120 Ärztetag in Freiburg. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten, spannendsten Momente des viertägigen Kongresses. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »