Ärzte Zeitung, 29.11.2016

Menschen mit Demenz

Nicht abstempeln

Eine neue Kampagne soll im öffentlichen Raum von Nordrhein-Westfalen darauf aufmerksam machen, dass Menschen mit Demenz mitten in die Gesellschaft gehören. Und auch Flüchtlinge haben etwas mit der Aktion zu tun.

Nicht abstempeln

Demenzkranke nicht verurteilen – dafür wirbt die Aktion unter anderem mit Plakaten.

© Ministerium für Gesundheit, Ema

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. In Nordrhein-Westfalen wirbt eine breit angelegte Kampagne für Offenheit und Toleranz im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Die Kernbotschaft: Die Betroffenen sollen nicht als defizitär abgestempelt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Deshalb sind rote Stempel mit positiven Botschaften wie "Ist nicht auf den Mund gefallen", "Hat das Herz am rechten Fleck" oder "Kann Berge versetzen" Kern der Kampagne, die unter dem Motto "Mensch. Auch mit Demenz" steht.

"Wir wollen deutlich machen, dass Menschen mit Demenz mitten in die Gesellschaft gehören", erläuterte Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) das vom Land NRW und den Pflegekassen geförderte Projekt. Das Land stellt dafür 244.500 Euro zur Verfügung, die gesetzlichen Pflegekassen und die privaten Pflegeversicherungen 100.000 Euro. Träger ist die Landesinitiative Demenz-Service NRW im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA).

Klare Haltung gefordert

Gerade weil die Zahl der Erkrankten aufgrund der demografischen Entwicklung in Zukunft weiter zunehmen wird und Chancen auf Heilung im Moment nicht zu erkennen sind, müsse die Gesellschaft eine klare Haltung entwickeln, forderte Steffens.

Die Kampagne setzt nicht nur auf großflächige Plakate, sondern auch auf eine Vielzahl weiterer Elemente. Dazu gehören 21.000 Postkarten, die ab Mitte Dezember an Arztpraxen geschickt werden. "Wir wollen die Menschen in den Wartezimmern ins Gespräch über das Thema bringen", sagte sie. Die Karten gehen zunächst an Hausärzte. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Kammern werden in die Aktion einbezogen. Auch Apotheken, Bäckereien und Thermalbäder werden mit Postkarten ausgestattet. Hinzu kommen sogenannte Swing-Cards, die im öffentlichen Nahverkehr aufgehängt werden. "Wir wollen das Thema im öffentlichen Raum an den Mann und die Frau bringen", sagte Steffens.

Zu den Maßnahmen gehören auch Tanz-Flashmobs – am 19. Dezember in Düsseldorf unter Beteiligung der Ministerin – und ein Film zum Thema Abstempeln auf der Internetseite www.mensch.nrw. Dort kann auch jeder als Unterstützer bei der Aktion mitmachen, sein Profilbild hochladen und mit einem Stempel versehen.

Versorgung reicht nicht aus

Es reicht nicht aus, für die Versorgung der Erkrankten Ressourcen bereitzustellen, sondern entscheidend ist ein Wandel in der gesellschaftlichen Haltung, betonte der KDA-Vorstandsvorsitzende Professor Frank Schulz-Nieswandt. "Demenzkranke können ein Beispiel sein für gesellschaftliche Ausgrenzung." Notwendig sei ein dauerhafter Prozess, um einen anderen, positiven Umgang mit all jenen zu erreichen, die anders sind.

"Soziale Ausgrenzung geht nicht"

Eine offene Haltung sei nicht nur im Umgang mit Menschen mit Demenz notwendig, sondern auch mit Flüchtlingen, sagte er. "Wir müssen grundsätzlich zeigen, dass soziale Ausgrenzung nicht geht", forderte er. Schulz-Nieswandt begrüßte, dass die Kampagne bewusst auf positive Bilder setzt: "Die Wirklichkeit hat immer zwei Gesichter", erinnerte er.

Eine sensiblere Haltung könne man nicht verordnen, sagte Dirk Ruiss, Leiter des Ersatzkassenverbands vdek in NRW: "Man muss sie in die Köpfe bringen." Dafür setze die Kampagne einen wichtigen Impuls. "Die Kampagne wird ein Erfolg", ist er optimistisch. Für wichtig hält es Ruiss auch, dass die Unterstützungsangebote für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen noch breiter bekannt und besser genutzt werden.

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