Diabetes

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Ärzte Zeitung, 15.10.2004

INTERVIEW

Wenn die Blutzuckereinstellung gut bleibt, kommt es nicht zu Retinopathie

Retinopathien sind eine Diabetes-Komplikation, der gute Blutzuckersenkung vorbeugt. Diabetes-Therapien unterscheiden sich dabei nicht. Und die Behauptung kürzlich in einem TV-Beitrag, Retinopathie sei eine unerwünschte Wirkung eines Insulin-Analogons, ist durch keine Daten belegt, hat Professor Thomas Haak vom Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim im Gespräch mit Dieter Rödder von der "Ärzte Zeitung" betont.

 
"Wir wissen heute, daß die Entwicklung einer Retinopathie von der Güte der Blutzucker-
einstellung abhängt."
Professor Thomas Haak
Diabetes-Zentrum,
Bad Mergentheim

Ärzte Zeitung: Herr Professor Haak, die Retinopathie gilt als typische Komplikation beim Diabetes. Wieviele Diabetiker bekommen sie?

Haak: Daten haben belegt, daß im Verlauf des Diabetes nach 30 Jahren 90 Prozent aller Diabetiker eine Retinopathie entwickelt haben. Dies gilt heute aber nicht mehr. Denn diese Daten stammen von Diabetikern, bei denen die Krankheit in den 60er oder 70er Jahren begonnen hat. Damals waren die Behandlungsmöglichkeiten und -strategien deutlich schlechter, die Blutzuckerwerte waren es ebenfalls. Wir wissen heute aus großen aktuellen Studien, daß die Entwicklung einer Retinopathie von der Güte der Blutzuckereinstellung abhängt. Je schlechter die Werte, desto größer ist das Risiko von Folgeschäden wie Retinopathie oder Nephropathie.

Ärzte Zeitung: Bei den heutigen verbesserten Therapiemöglichkeiten ist demnach zu vermuten, daß das Retinopathie-Risiko verringert ist?

Haak: Diese Hoffnung gebe ich allen meinen Patienten: Wenn heute bei der Diagnose keine Retinopathie besteht und die Blutzucker-Einstellung lebenslang gut bleibt, werden Sie keine Retinopathie entwickeln oder diese wird so geringgradig ausfallen, daß sie keine Auswirkungen hat.

Ärzte Zeitung: Gibt es bei der Entwicklung einer Retinopathie Unterschiede zwischen verschiedenen Diabetes-Therapien?

Haak: Die gibt es nicht. Allerdings hat sich in den letzten Jahren die Erkenntnis gefestigt, daß bei Patienten, bei denen die Blutzuckerwerte über einen langen Zeitraum viel zu hoch waren, sich das Risiko für eine Retinopathie oder für die Verschlechterung einer bestehenden Retinopathie erhöht, wenn die Blutzuckerwerte schnell, innerhalb von zwei Wochen, auf Normwerte zwischen 70 und 110 mg/dl sinken. Bei solchen Patienten stellen wir daher den Blutzucker zunächst auf 140 mg/dl ein und senken ihn dann über einige Wochen bis wenige Monate in den Normbereich.

Ärzte Zeitung: Also ist der entscheidende Punkt, eine sich akut verschlechternde Retinopathie zu verhindern, den Ausgangswert des HbA1c zu beachten...

Haak: So kann man das sagen. Dieser Wert gibt ja die mittlere Einstellungsgüte über die letzten drei Monate an. War diese schlecht, muß der Blutzucker langsam gesenkt werden. Zudem erhärten sich Daten, daß die postprandialen Blutzuckerspitzen für die Entstehung einer Retinopathie eine Bedeutung haben. Dies muß jedoch noch genauer geklärt werden.

Ärzte Zeitung: Bestehen Unterschiede zwischen verschiedenen Insulinen, etwa NPH-Insulinen und Insulin glargin bei den Retinopathie-Raten?

Haak: Es gibt keine Daten, die belegen, daß bei Insulin-Analoga ein erhöhtes Retinopathie-Risiko besteht. Aus klinischer Sicht dreht es sich dabei um theoretische Überlegungen zu Affinitäten am sogenannten IGF-1-Rezeptor. Es gab einmal einen Hinweis darauf, daß durch den natürlichen Wachstumsfaktor IGF-1 das Einsprossen von Gefäßen in die Retina gefördert wird.

Insulin und Insulin-Analoga wirken ebenfalls auf diesen Rezeptor, allerdings ist die Affinität um mehrere Größenordnungen geringer und bei Insulin glargin etwas größer als bei Humaninsulin. Doch dies sind theoretische Überlegungen. Wir haben ein sehr strenges deutsches und europäisches Arzneimittelrecht. Wenn es auch nur den Hauch eines Risikos gäbe, würde die Anwendung beschränkt, etwa mit dem Zusatz: nicht für Patienten mit Retinopathie. Das ist nicht geschehen.

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