Ärzte Zeitung, 01.04.2005

Diabetes-Aufklärungsaktion "Gesünder unter Sieben"Drei Kilo mehr auf der Waage verdoppeln das Diabetes-Risiko

Wer zuviel Bauchfett hat, ist besonders Diabetes-gefährdet / Aufklärung erreicht bisher kaum sozial benachteiligte Menschen

Von Wolfgang Geissel

Die Großmutter bekam mit 75 Jahren Diabetes mellitus, die Mutter mit 67 Jahren und jetzt der Sohn mit 53. Der landläufig als Alterszucker bezeichnete Typ-2-Diabetes trifft immer jüngere Menschen, und die Inzidenz nimmt in Deutschland rasant zu. Seit den 50er Jahren hat sich die Zahl der Diabetiker bei uns verzehnfacht.

Von den sechs Millionen diagnostizierten Diabetikern in Deutschland haben über 90 Prozent Typ-2-Diabetes. Und bis zum Jahr 2010 soll die Zahl nach Schätzung von Experten auf zehn Millionen weiter ansteigen.

"Der absolut treibende Faktor für Typ-2-Diabetes ist Übergewicht", hat Professor Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam betont. Nach Studiendaten verdoppeln übergewichtige Menschen mit jeder Gewichtszunahme von drei bis vier Kilogramm ihr Diabetes-Risiko, hat der Internist bei der Pressekonferenz zum Start der zur Zeit laufenden bundesweiten Diabetes-Aufklärungsaktion "Gesünder unter Sieben" berichtet. Die vom Arzneimittel-Hersteller Sanofi-Aventis getragene Aktion wird unter anderen von der "Ärzte Zeitung" als Medienpartner unterstützt.

"Nicht Übergewicht allein, sondern die Fettverteilung im Körper ist entscheidend", sagte Pfeiffer. Das Risiko ist dann hoch, wenn das Fett im Bauch sitzt. So nimmt nach Studienergebnissen der HbA1c als Wert für die langfristige Blutzuckerkontrolle mit dem Bauchfett zu. Auch die Atherosklerose wird durch Fett im Bauch begünstigt. Fettzellen im Bauch produzieren unter anderen Zytokine, die eine unterschwellige Entzündung und dadurch auch Gefäßschäden begünstigten.

Eine einfache Methode, um ein erhöhtes Diabetes-Risiko abzuklären, ist dabei die Messung des Taillenumfangs. Ein Umfang bei Männern von mehr als 102 cm und bei Frauen mehr als 88 cm, sei in Verbindung mit einem BMI von mehr als 30 kg/m2 ein Marker für das metabolische Syndrom und damit für ein hohes Diabetes-Risiko.

Wird bei einem Menschen ein solches Risiko festgestellt, dann kann mit Lebensstiländerungen dem Ausbruch von Diabetes vorgebeugt werden. In der finnischen Diabetes Prevention Studie mußten übergewichtige Patienten mit gestörter Glukosetoleranz ein Programm aus gesunder Ernährung und Bewegung absolvieren. Konkret hieß dies vier Stunden Sport pro Woche, etwa fünf Prozent des Körpergewichts abnehmen sowie eine Ernährung mit weniger als 30 Prozent Fett (davon weniger als zehn Prozent gesättigte Fette) und mit mehr als 15 g Ballaststoffen pro 1000 Kcal.

Das Ergebnis nach mittlerweile zehn Jahren Beobachtung: Wer sich in der Studie gesund ernährte und Sport trieb, entwickelte kein Diabetes.

Eine Prävention von Diabetes ist also möglich. Und wer bereits an Diabetes erkrankt ist, kann durch gesunde Ernährung und Bewegung seine Stoffwechsellage entscheidend verbessern. So verringern sich durch Abnahme von zehn Kilogramm der HbA1c-Werte um ein bis drei Prozentpunkte, sagt Professor Alfred Wirth aus Bad Rothenfelde (Ärztebl 101, 2004, A1748). Bei fast allen Patienten lasse sich dadurch die Dosis von Antidiabetika reduzieren, und bis zu 50 Prozent der Patienten hätten nach der Gewichtsreduktion keine diabetische Stoffwechsellage mehr.

Angesichts der Zunahme von Adipositas in der Bevölkerung fordert Pfeiffer Programme zur Diabetes-Prävention in Deutschland. "Reden allein reicht nicht. Die Menschen müssen unterrichtet und die Maßnahmen langfristig verfolgt werden" Die meisten Risikoträger kommen in Deutschland aus den unteren sozialen Schichten und werden durch bisherige Informationen nicht erreicht. So gibt es nach seinen Angaben unter den Kindern von Eltern ohne Abitur dreimal so viele Übergewichtige wie bei den Kindern von Eltern mit Abitur.

Ein Präventionsprogramm, daß dem Rechnung trägt, will die Deutsche Diabetes Union (DDU) unter Federführung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) entwerfen und evaluieren. Geplant sei, in zwei Städten unterschiedliche Strategien zu überprüfen und die Ergebnisse nach fünf Jahren zu vergleichen. "Ich hoffe, die Politik und die Krankenkassen werden uns hierbei unterstützen", sagte Pfeiffer.

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