Ärzte Zeitung, 15.07.2005

HINTERGRUND

"Du mußt mindestens mit einem Blutzuckerwert von 160 mg / dl anfangen, damit Du das Training durchstehst"

Von Helga Brettschneider

Auch Typ-1-Diabetiker können Leistungssport machen. Das sagt der Diabetologe Michael Simonsohn aus Frankfurt am Main. Voraussetzung ist aber, daß die Patienten sich mit ihrer Krankheit auskennen und wissen, wie Sport ihren Stoffwechsel beeinflußt.

Eishockey-Profi Michael Hackert ist trotz seines Typ-1-Diabetes Spitze. Zusammen mit seinem Arzt hat er seine Therapie für Wettkämpfe optimiert. Foto: Joachim Storch

Für Eishockey-Nationalspieler Michael Hackert ist das selbstverständlich: "Man muß seinen Blutzucker ständig unter Kontrolle haben." Bei Hackert wurde 2001 Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Hackert, der die von Sanofi-Aventis und weiteren Partnern getragene Diabetesaktion "Gesünder unter 7" - als HbA1c-Ziel - unterstützt hat, wird seit einigen Monaten von dem Frankfurter Arzt betreut. Zuvor kämpfte er mehr oder weniger allein mit den Stoffwechsel-Hürden im Leistungssport.

Erfahrungen mit Typ-1-Diabetes und Leistungssport sind rar

Von Ärzten gab es anfangs kaum Informationen zu Diabetes und Leistungssport, erinnert Hackert sich - es gibt wenig Erfahrungen dazu. Außerdem ist die Blutzuckerregulation im Eishockey besonders schwierig, weil enorme körperliche Belastungen und Pausen minutenweise wechseln können. Bei Simonsohn fühlt der 24jährige sich gut aufgehoben: "Er war der erste Arzt, der sich intensiver damit befaßt hat", sagt Hackert, und dabei klingt Erleichterung durch.

Simonsohn hat die Heimspiele des Sportlers verfolgt und sich ein Bild von den Therapie-Anforderungen verschafft. Denn die Belastungen variieren je nach Sportart, und jeder Patient ist anders. Allgemeine Tips seien deshalb schwer zu geben. Betroffene sollten das richtige Verhalten gemeinsam mit ihrem Arzt erarbeiten, empfiehlt er. Unverzichtbar sei aber eine gute Diabetikerschulung, um die intensivierte Insulintherapie zu beherrschen.

Leistungssportler mit Diabetes haben meist Typ 1. Vor dem Sport ist oft eine Reduktion der Insulindosis oder die Zufuhr von Kohlehydraten sinnvoll. Der Blutzucker sollte bei Trainingsbeginn etwas erhöht sein und beim Sport kontrolliert werden, so Simonsohn. Letzteres ist auch Hackert wichtig.

Denn er startete früher mit einem Glukosewert von weniger als 120 mg/dl und ohne Zwischen-Checks - und rauschte prompt in die Unterzuckerung. "Wenn mir damals ein Arzt gesagt hätte: ,Du mußt mindestens mit 160 anfangen, damit du das Training durchstehst‘ - das wäre mir schon eine gute Hilfe gewesen", betont er.

Tiefere Werte erhöht er mit schnell resorbierbaren Kohlehydraten. Mit Blutzucker-Kontrollen stellt man auch fest, welche Belastung den Blutzucker wie stark senkt. Hackert mißt auch bei Müdigkeit im Training - es könnte eine Hypoglykämie sein.

Im Wettkampfstreß dagegen treibt der Adrenalinschub den Blutzucker hoch. Denn Adrenalin fördert den Glykogenabbau in der Leber. Hackert braucht an solchen Tagen mehr basales Insulin. Dank einer Insulinpumpe mit schnellem Analoginsulin kann er die Dosis rasch steigern. Die Dosisanpassung haben Arzt und Patient zusammen erarbeitet.

In 30 Minuten kann der Spiegel um 100 mg / dl hochschießen

Die Adrenalinwirkung ist aber nur begrenzt berechenbar, so der Eishockey-Profi, der Wettkämpfe deshalb mit einem Meß-Marathon verknüpft. Sein Blutzuckermeßgerät muß so schnell sein, wie die Einsatzpausen kurz sind. Mindestens sechs Mal mißt Hackert vom Warmmachen bis zum Spielschluß, weil der Wert in 30 Minuten um 100 mg/dl hochschießen kann.

Nach dem Spiel muß er mit Kohlehydraten dem Unterzuckern vorbeugen. Denn beim Sport können sich die Glykogendepots in Leber und Muskeln leeren, erklärt Simonsohn. Weil die Speicher danach wieder gefüllt werden, brauchen die Patienten zusätzliche Kohlenhydrate. Das Hypoglykämierisiko ist noch Stunden später erhöht. Blutzuckermessen vor dem Schlafengehen ist deshalb Pflicht.

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