Ärzte Zeitung, 04.10.2005

Tausend Proteine auf einen Schlag analysierbar

Verfahren erlaubt die Identifizierung vieler Eiweißmoleküle im Urin und in anderen Körperflüssigkeiten

HANNOVER (rs). Mit einem speziellen Verfahren lassen sich im Urin zwischen 1000 und 1500 Eiweißmoleküle auf einmal analysieren. Die Analysetechnik erlaubt außer der Diagnose diabetischer Nephropathie nun auch die Anwendung zur Diagnose von Prostata- und Blasenkrebs.

Das Diagnose-Verfahren heißt DiaPat und wurde von dem Nephrologen Professor Hermann Haller und dem Biochemiker Professor Harald Mischak von der Medizinischen Hochschule Hannover entwickelt. Das Verfahren ist bereits vor zwei Jahren auf den Markt gekommen.

Analysiert werden können damit bis zu 1500 unterschiedlich große Proteine, etwa im Urin. Die Patienten müssen in der Arztpraxis nur ihren Urin abgeben. Dieser wird dann kryokonserviert an das DiaPat-Labor in Hannover, eine Ausgründung der Medizinischen Hochschule MHH, verschickt.

Dort werden nach der Auftrennung der Eiweißmoleküle mit Hilfe der Kapillar-Elektrophorese die Proteine voneinander getrennt, und anhand ihrer elektrischen Ladung im Hochvakuum eines Massenspektrometers vermessen. Innerhalb etwa einer Stunde wird online das jeweilige Proteinprofil erstellt.

Durch Software-Abgleich mit vielen anderen bereits gespeicherten Protein-Profilen von Gesunden und von Patienten kann am Ergebnis des Vergleichs beurteilt werden, ob der Patient etwa an Prostata- oder Blasenkrebs oder an einer diabetischen Nephropathie erkrankt ist.

Bis zu fünf Jahre vor Ausbruch etwa einer diabetischen Nephropathie kann die Erkrankung auch ohne Manifestation klinischer Symptome aufgrund der Eiweiß-Analyse erkannt werden, sagt Mischak. An der MHH wird das DiaPat-Verfahren bereits klinisch genutzt.

Außer im Urin kann die Proteom-Analyse auch in anderen Körperflüssigkeiten wie Blut oder Liquor vorgenommen werden. Das Verfahren läßt sich bei Patienten nach einer Organtransplantation zur Früherkennung von Abstoßreaktionen sowie bei der chronischen Niereninsuffizienz nutzen. Neun Tage früher als bisher, so die Hämato-Onkologin Professor Eva Weissinger von der MHH, könne die lebensbedrohende Abstoßungsreaktion erkannt werden.

Nach Angaben von Dr. Thomas M. Ruprecht von dem Unternehmen DiaPat liegen ersten Studien zufolge Sensitivität und Spezifität je nach Erkrankung zwischen 90 und 100 Prozent. So liegt zum Beispiel beim Nierenkarzinom die Sensitivität des Analyseverfahrens bei 100 Prozent und die Spezifität bei 95 Prozent.

Für die Differentialdiagnose chronischer Nephropathien kostet ein Test etwa 850 Euro, zur Früherkennung des Prostata-Ca etwa 400 Euro. "Die Kosten werden mit Analogposition gemäß GOÄ abgerechnet", so Ruprecht zur "Ärzte Zeitung". Im Einzelfall würden Kosten teilweise oder vollständig erstattet. Der Test hat die CE-Zulassung - entspricht also geltenden EU-Vorschriften - und ist damit zur Anwendung durch medizinisches Fachpersonal zugelassen.

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