Ärzte Zeitung, 10.05.2006

INTERVIEW

"Diabetiker müssen sich gut fühlen, wenn die Blutzuckerwerte gut sind"

Mit einer neuen Form der Diabetiker-Schulung, der patientenzentrierten Schulung "Diabetes und Verhalten", schaffen es sehr viele insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker, ihren Stoffwechsel gut zu kontrollieren. Privatdozent Dr. Matthias Frank aus dem Saarland hat das Programm zusammen mit Forschern der Medizinischen Hochschule Hannover entwickelt. "Mit dem Programm werden Patienten sehr stark zur Selbstverantwortung geführt", so Frank im Gespräch mit Wolfgang Geissel von der "Ärzte Zeitung".

Ärzte Zeitung: Was unterscheidet die patientenzentrierte Schulung "Diabetes und Verhalten" von anderen Schulungen?

ZUR PERSON

Privatdozent Dr. Matthias Frank ist Chefarzt der Saarlandkliniken kreuznacher diakonie in Neunkirchen und Saarbrücken. Der Internist hat an der Universität des Saarlands und in Oxford Medizin studiert. Ein Schwerpunkt seiner Forschertätigkeit ist die Entwicklung von Diabetiker-Schulungsprogrammen.

PD Matthias Frank: Die Inhalte unserer Schulung unterscheiden sich nicht von anderen Programmen, sie sind nur so verpackt, daß ein Patient sie besser als bisher annehmen kann und er Erfolg damit hat.

Wir Ärzte sind gewohnt, immer sofort zu sagen, was zu tun ist. Das hat den Nachteil, daß ein Patient dem Arzt die gesamte Behandlung überträgt. Ist er dann aber mit meiner vorgeschlagenen Therapie nicht erfolgreich, lernt er nicht, daß er selbst das Problem ist. Er hält vielmehr den Arzt für das Problem. Bei der patientenzentrierten Schulung entwickeln wir zusammen mit dem Patienten Schritt für Schritt eine maßgeschneiderte Therapie. Der Patient bringt sich selbst mit in die Grundlagen ein.

Ärzte Zeitung: Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Frank: Ein Patient weigert sich, Insulin zu spritzen. Er weiß, als die Oma mit Insulin angefangen hat, hat sie nur noch wenige Monate gelebt. Bei einer patientenzentrierten Schulung würde man den Patienten als erstes fragen, ob er bereit wäre, sich auf Insulin einzulassen. Dann sagt er nein. Im zweiten Schritt fragt man dann, ob er sich auf Insulin einlassen würde, wenn sich dadurch sein tägliches Leben nicht ändert und das Insulin wieder abgesetzt werden kann, falls er es später möchte. Dann sagt er ja.

Dann versuchen wir, mit ereignisgesteuerter Blutzuckermessung ihm ein Gefühl zu geben, was sein Handeln impliziert. Er mißt zum Beispiel den Blutzucker vor und nach dem Essen - was nicht üblich ist in Deutschland. Dabei sieht er: Wenn ich viel esse, geht der Wert stark nach oben. Oder er erkennt: Wenn ich mich bewege, geht der Wert runter.

Dadurch entwickelt der Patient ein Gefühl dafür, wie sich der Blutzucker senken läßt. Er ist stark motiviert, das Insulin wieder abzusetzen oder in der Dosis zu reduzieren. Also bewegt er sich und nimmt an Gewicht ab. Wird ein Diabetiker frühzeitig so therapiert, kann man ihn sehr stark zur Selbstverantwortung führen. Das schaffen auch Patienten mit Hauptschulabschluß, wie eine Studie von uns mit 101 Patienten gezeigt hat, mit Ergebnissen, die weltklasse sind.

Ärzte Zeitung: Sind ereignisgesteuerte Blutzucker-Messungen für Kassenpatienten möglich, zahlt die GKV die Teststreifen?

Frank: Ja, sie sind möglich, die Teststreifen werden von der GKV bezahlt, wenn die häufigen Messungen auf die Einstellungsphase der Insulintherapie beschränkt werden. Der Trick besteht darin, daß ein Patient die Blutzuckerwerte mit einem persönlichen Lebensgefühl verbindet. Diabetes tut ja nicht weh. Am Anfang fühlt sich ein Patient ja gar nicht schlecht, wenn die Werte hoch sind. Im Verlauf der Schulung entwickelt er aber den Ehrgeiz, daß die Blutzuckerwerte besser werden.

   
"Mit jedem Diabetiker entwickeln wir eine maßgeschneiderte Therapie."
 
PD Matthias Frank
Chefarzt an den Saarlandkliniken
   

Entscheidend ist der Augenblick, wo ein Patient anhand der Meßwerte sieht, daß er selbst effizient gute Blutzuckerwerte generieren kann. Nach kurzer Zeit sagt er von selbst: Ich fühl mich gut, weil der Zucker niedrig ist. Er wird sich dann aus dem Spektrum dessen, was möglich ist - also mehr oder weniger essen oder sich körperlich bewegen oder Nahrungsmittel anders zusammensetzen oder Gewicht abnehmen - das raussuchen, was ihm im Endeffekt gut tut. Man kann von den Patienten nicht erwarten, daß sie zu Engeln werden. Man muß aber darauf achten, daß die große Linie stimmt.

Ärzte Zeitung: Wer macht die Schulungen und wie geht es jetzt weiter mit dem Programm?

Frank: Die Schulung machen Diabetesberaterinnen. Das Programm wird jetzt vom Bundesversicherungsamt zertifiziert - wir hoffen, daß das noch dieses Jahr passiert -, und dann wird es den Kassen zur Verfügung gestellt. Langfristig kann es dann als Schulung für Patienten gewählt werden.

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