Forschung und Praxis, 26.06.2006

Inhalierbares Insulin - Vorteil für Patienten mit Spritzenangst

Neue Therapieform kann Start in die frühe Insulintherapie bei Typ-2-Diabetikern sein

Seit Mitte Mai ist in Deutschland das erste inhalierbare Insulin als Trockenpulver (Exubera®) auf dem Markt. Es handelt sich um ein humanes kurzwirksames Normalinsulin, mit dem die Patienten die Kohlenhydrat-Aufnahme zu den Mahlzeiten abdecken. Getestet wurde es an mehr als 3500 Patienten. Die inhalative Therapie kann Typ-2-Diabetiker mit Scheu vor Injektionen zu einem früheren Insulinstart verhelfen: Die Hemmschwelle sinkt, wenn die schmerzhafte Selbstverletzung durch die Spritze entfällt. Auch für Typ-1-Diabetiker, die mehrmalige Injektionen täglich nicht akzeptieren, ist das inhalierbare Insulin eine Alternative.

Zwei Therapieformen – ähnliche Wirksamkeit
Inhalierbares Insulin ist bei Typ-2Diabetikern ebenso wirksam wie subkutan injiziertes Insulin.

Die inhalative Insulintherapie wird von den Patienten gut akzeptiert. Das belegt eine einjährige Studie mit 70 Typ-1- und 51 Typ-2-Diabetikern, die drei Monate lang außer Basalinsulin das inhalierbare Insulin vor dem Essen oder nur Insulin subkutan erhielten. Am Ende der Studie entschieden sich 85 Prozent der Patienten aus der Inhalationsgruppe, bei ihrer Therapie zu bleiben, aber nur 21 Prozent aus der Injektionsgruppe.

Die inhalierbare Variante wirkt so effektiv wie injiziertes Insulin, so Professor Werner Scherbaum vom Deutschen Diabeteszentrum bei einer Veranstaltung in Düsseldorf. Die Zeit bis zum Wirkungseintritt entspricht der eines kurzwirksamen Insulin-Analogons, die Wirkdauer der von subkutan injiziertem Normalinsulin.

In einer Studie mit Typ-2-Diabetikern injizierten 149 Patienten sechs Monate lang täglich Basalinsulin und inhalierten zum Essen Insulin, 150 Patienten spritzten täglich zweimal Mischinsulin. Beide Gruppen verbesserten ihren HbA1c im gleichen Maße: mit der inhalativen Therapie sank er um 0,7 Prozentpunkte, mit der subkutanen Therapie um 0,6 Prozentpunkte.

Auch 163 Typ-1-Diabetiker, die zusätzlich zur Basalinsulin-Therapie ihren Mahlzeiten-Bolus inhalierten, erreichten eine ähnlich gute glykämische Kontrolle wie die 165 Patienten, die stattdessen Normalinsulin spritzten. Die HbA1c-Senkung nach einem halben Jahr war ähnlich, ebenso die Abnahme der postprandialen Werte.

Mit dem inhalativen Insulin sank zudem auch der Nüchternblutzucker um 35 mg / dl - mit Normalinsulin nahm er nicht ab. Damit könnte zusammenhängen, daß schwere Unterzuckerungen in der Inhalations-Gruppe häufiger auftraten. Die Gesamtrate an Hypoglykämien war jedoch geringer.

In einer weiteren Studie mit Typ-1-Diabetikern und ähnlichen Therapien waren dagegen Nüchternwerte und Hypoglykämierate mit der inhalativen Therapie etwas niedriger als mit injiziertem Insulin.

Insulin sollte zehn Minuten vor dem Essen inhaliert werden

Das als Trockenpulver inhalierbare Insulin wird mit einem Inhalator appliziert: Der Patient legt den Insulin-Blister ein, drückt einen Knopf und atmet das Insulin langsam ein. Etwa 40 Prozent der Partikel gelangen bis in die Lungenbläschen und werden dort in die Blutbahn aufgenommen. 20 Prozent der Partikel bleiben im Mund-Rachenraum, zehn Prozent in den oberen Luftwegen und ein Drittel im Blister und im Inhalator hängen.

In den Alveolen ist die höchste Konzentration nach etwa 45 Minuten erreicht. Weil die Wirkung schon nach zehn bis 20 Minuten beginnt, sollte das Hormon innerhalb von zehn Minuten vor dem Essen inhaliert werden. Die relative Bioverfügbarkeit beträgt im Vergleich zu injiziertem Normalinsulin etwa zehn Prozent. Erhältlich sind 1-mg-Blister (entspricht etwa 3 I.E. injiziertem Insulin) und 3-mg-Blister (etwa 8 I.E.). Eine 3-mg-Packung sollte also nicht durch drei 1-mg-Packungen ersetzt werden.

Kontraindiziert ist das neue Insulin bei Rauchern, da bei ihnen die Insulinabsorption erhöht ist. Erst nach sechs Nikotin-freien Monaten darf der Patient Insulin inhalieren. Wird er rückfällig, muß er wieder spritzen. Auch bei Passivrauchern ist die Absorption verringert. Weitere Kontraindikationen: Schwangerschaft, schlecht kontrolliertes oder schweres Asthma und COPD (Stadium III und IV). Bei leichtem Asthma und leichten viralen Infekten der oberen Atemwege dagegen sei es zu keinen Änderungen der Pharmakokinetik gekommen, so Professor Lutz Heinemann vom Profil Institut für Stoffwechselforschung in Neuss.

Da es sich bei dem inhalierbaren Insulin um eine neue Therapieform handelt, sollte vor Therapiebeginn, nach sechs Monaten und danach regelmäßig die Lungenfunktion geprüft werden. In Studien bis zu drei Jahren Dauer sind nach Angaben von Professor Joachim Lorenz aus Lüdenscheid die Lungen der Probanden gut mit dem inhalierbaren Insulin zurechtgekommen.

Zu Therapiebeginn sinkt die Lungenfunktion um 1 bis 1,5 Prozent, was klinisch aber nicht relevant sei, zumal die Abnahme nach Therapieende reversibel ist, so der Pneumologe. 20 Prozent der Patienten reagieren auf das Inhalieren mit leichtem bis mäßigem Husten, der aber mit der Zeit zurückgehe. (hbr)

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