Ärzte Zeitung, 25.09.2006

Darmhormon senkt Blutglukose, aber nicht zu tief

IInkretin-Analogon Liraglutide stimuliert Insulinproduktion Blutzucker-abhängig / Keine Hypoglykämien dokumentiert

KOPENHAGEN (ej). "Wenn Glucagon-like peptide-1 (GLP-1) eine lange Halbwertszeit hätte, wäre es das ideale Antidiabetikum", heißt es seit Entdeckung des Darmhormons. Dieser Wunsch könnte mit dem GLP-1-Analog Liraglutide erfüllt werden: Minimale Veränderungen am Molekül haben die Halbwertszeit des Hormons von zwei Minuten auf zwölf Stunden verlängert.

Liraglutide wird die Diabetes-Therapie erheblich vereinfachen. Davon ist Dr. Tina Vilsböll überzeugt. Foto: ej

Mit Liraglutide wurde eine Substanz entwickelt, die eine 97prozentige Übereinstimmung mit dem natürlichen Darmhormon, dem Inkretin GLP-1 hat, aber über 24 Stunden wirksam ist. Wie GLP-1 stimuliert der Wirkstoff die Insulinproduktion und hemmt die Glukagonsekretion.

Daten von 165 Diabetikern belegen die Wirksamkeit

Wie effizient die Behandlung mit Liraglutide die Blutzuckerkontrolle verbessert, belegen die Daten einer randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie bei 165 Patienten mit Typ-2-Diabetes. Die Daten wurden bei einer Veranstaltung von Novo Nordisk beim Europäischen Diabeteskongreß in Kopenhagen vorgestellt.

Die Teilnehmer waren zuvor mit Diät oder einem oralen Antidiabetikum behandelt worden. Nach einer vierwöchigen Auswaschphase erhielten die Patienten Liraglutide als Monotherapie einmal täglich: entweder 0,65 mg, 1,25 mg oder 1,9 mg subkutan.

"Nach 14 Wochen zeigte sich eine beeindruckende Senkung des HbA1c-Wertes", sagte Dr. Tina Vilsböll vom Universitätsklinikum Gentofte in Dänemark. In der höchsten Dosierung senkte das GLP-1-Analogon signifikant den HbA1c-Wert um 1,7 Prozentpunkte. Die Ausgangs-HbA1c-Werte lagen zwischen 8,1 und 8,5 Prozent.

Bei Applikation der mittleren und höheren Dosis (einmal täglich 1,25 und 1,9 mg) erreichten somit etwa die Hälfte der Patienten das HbA1c-Ziel von unter sieben Prozent innerhalb von 14 Wochen. Die Verträglichkeit war insgesamt gut. Als häufigste unerwünschte Effekte wurden gastro-intestinale Störungen und Übelkeit genannt. Sie kamen bei ungefähr zehn Prozent der Patienten anfangs vor und klangen recht zügig ab.

Mit dem Inkretin-Analogon verloren die Teilnehmer Pfunde

Erfreulich: Die Patienten nahmen nicht an Gewicht zu. "Ganz im Gegenteil", betonte Vilsböll. Mit Liraglutide verloren die Patienten im Schnitt knapp 3 kg Körpergewicht im Vergleich zum Anfangsgewicht.

Ein Hypoglykämie-Risiko gibt es bei Liraglutide praktisch nicht. Während der 14wöchigen Therapie gab es weder leichte noch schwere Unterzuckerungen. Denn das GLP-1-Analogon wirkt glukoseabhängig. Wenn die Plasmaglukose-Konzentration unter 70 mg/dl (3,885  mmol/l) fällt, hat das Analogon praktisch keine blutzuckersenkende Wirkung mehr.

Die Substanz durchläuft derzeit die Phase III der klinischen Prüfung und könnte in wenigen Jahren für die Behandlung von Patienten mit Typ-2-Diabetes zur Verfügung stehen.

STICHWORT

Inkretine

Vor etwa 40 Jahren entdeckten Forscher, daß nach dem Essen von Traubenzucker mehr Insulin sezerniert wird als nach i.v.-Applikation der gleichen Dosis. Deshalb wurde im Gastrointestinal-Trakt nach Stoffen gesucht, die die Insulinsekretion stimulieren. Entdeckt wurden die Inkretine, die im Dünndarm gebildet werden. Sie werden freigesetzt, wenn der Blutzucker-Spiegel steigt. Inkretine stimulieren die Insulin- und hemmen die Glukose-Produktion in der Leber. Da Typ-2-Diabetiker bei gleichem Stimulus weniger Inkretin freisetzen als Gesunde, lag es nahe, Inkretine zur Therapie bei Diabetes zu nutzen. Entwickelt wurden nun langlebige Analoga.

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