Ärzte Zeitung, 07.03.2007

HINTERGRUND

Vorzubeugen, statt zu kurieren - das wird in Zukunft immer wichtiger werden

Von Thomas Müller

Präventionsmaßnahmen werden künftig immer wichtiger, denn nach der Auffassung von Klinikchefs, Medizin-Professoren und Pharmaunternehmen nehmen die Inzidenzen ernährungs- und altersbedingte Krankheiten wie Diabetes, Adipositas und Rheuma in den kommenden zehn Jahren kräftig zu. Zugleich erwarteten die Experten aber keine großen Fortschritte bei der Therapie.

Nur wenige erwarten viel bessere Therapien
So schätzen Experten den Therapiefortschritt in den nächsten zehn Jahren ein
Nur wenige Medizin-Experten glauben, dass es in den nächsten zehn Jahren bei den wichtigsten Krankheiten große Therapie-Fortschritte geben wird.

Gerade Hausärzte könnten daher einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten, schreiben Dr. Marc Nocon und seine Kollegen von der Charité Berlin, etwa durch Aufklärung und Beratung, aber auch, indem sie die Impfbereitschaft bei ihren Patienten fördern.

Die Ärzte von der Charité begründen ihre Schlussfolgerung mit den Ergebnissen einer Befragung. Darin haben 115 Medizinexperten aus ganz Deutschland per Fragebogen für die kommenden zehn Jahre Inzidenzen und Therapien bei den wichtigsten Volkskrankheiten eingeschätzt. Angeschrieben wurden Lehrstuhlinhaber und Institutsleiter von Unikliniken, vor allem der Inneren Medizin, sowie Medizinische Direktoren forschender Pharmaunternehmen (MMW IV, 2006, 191).

Über 80 Prozent glauben an Anstieg der Diabetes-Inzidenz

Zunächst wenig überraschend ist, dass über 80 Prozent davon ausgehen, dass die Zahl der Neuerkrankungen mit Diabetes, Adipositas und Demenz in den nächsten zehn Jahren zunimmt. Etwa die Hälfte glaubt sogar, dass die Inzidenzen stark steigen werden. Erklären lässt sich diese Prognose zum Teil mit der demografischen Entwicklung, berichten die Studienautoren. So wird der Anteil der Alten an der Bevölkerung deutlich zunehmen, aber auch der Anteil der Übergewichtigen steigt stetig.

Befragt nach Schlaganfall, degenerativen Gelenkerkrankungen und Osteoporose gaben etwa 70 Prozent an, dass die Inzidenz dieser Krankheiten in den nächsten zehn Jahren steigen wird. Allerdings rechnet nur ein Viertel bis ein Sechstel mit einem starken Anstieg.

Es werden nach Auffassung der Experten nicht nur mehr Menschen alters- und ernährungsbedingt erkranken, es werden auch mehr Menschen Depressionen bekommen. 63 Prozent der Befragten rechnen mit einer Zunahme der Depressions-Inzidenz, mehr noch als bei ischämischen Herzerkrankungen (60 Prozent). Als Ursache wird hier vor allem die Isolierung und Vereinsamung im Alter gesehen, so die Studienleiter.

Lichtblick: Experten rechnen mit weniger Herzinfarkten

Als einen der wenigen Lichtblicke nennen die Befragten die Inzidenz von Herzinfarkten: Sie rechnen überwiegend mit einem Rückgang in den kommenden zehn Jahren. Auch bei Magen- und Darmulcera werden sinkende Inzidenzen prognostiziert, vor allem aufgrund von Helicobacter-Eradikationstherapien.

Bei den Todesursachen sehen knapp 70 Prozent einen Anstieg der Diabetes-bedingten Sterblichkeit voraus, 50 Prozent glauben, dass Todesfälle durch Schlaganfall und Herzinsuffizienz zunehmen werden.

Immerhin zwei Drittel der Forscher, Professoren und Direktoren sind jedoch überzeugt, dass es in zehn Jahren eine Alzheimer-Therapie geben wird, mit der sich die Symptome relevant und dauerhaft lindern lassen. Auf die Frage, ob es dann auch einen wirksame HIV-Vakzine geben wird, antworteten 52 Prozent mit Ja.

Das war‘s dann auch schon mit dem Optimismus. Denn nur etwa ein Drittel geht davon aus, dass es bald große therapeutische Fortschritte bei wichtigen Volkskrankheiten wie Kolorektal-Karzinom, Typ-2-Diabetes, Mammakarzinom und Herzerkrankungen geben wird, nur 8 bis 13 Prozent glauben dies bei COPD, Allergien, Depressionen und Gelenkerkrankungen. Und kaum jemand ist überzeugt, dass sich die Therapie bei alkoholischer Leberzirrhose spürbar verbessern wird (3 Prozent).

Da die Inzidenz bei vielen chronischen Krankheiten künftig zunehmen wird, sich aber kaum jemand wesentlich bessere Therapien vorstellen kann, werden Präventionsmaßnehmen einen höheren Stellenwert bekommen, so die Autoren.

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