Ärzte Zeitung, 10.04.2007

Bündnis gegen Diabetes geht in die Offensive

Nationales Aktionsforum Diabetes mellitus will Erkrankung bis 2010 eindämmen / Ärzte im Fokus der Kampagne

BERLIN (af). Gesündere Ernährung, mehr Bewegung und ein stressfreieres Leben sollen dem Diabetes und den mit ihm einhergehenden Herz-Kreislauf-, Skelett- und seelischen Erkrankungen bis 2010 Einhalt gebieten. Dieses ehrgeizige Ziel hat sich das Nationale Aktionsforum Diabetes mellitus (Nafdm) bei seiner Vollversammlung in Berlin gesteckt.

Experten schätzen, dass auf jeden bekannten Diabetiker ein unbekannter kommt. Foto: AOK-Mediendienst

"Wir warten das Präventionsgesetz der Großen Koalition nicht ab", sagte Professor Eberhard Standl. Ein solches Gesetz will die Regierung nach heutigem Stand spätestens 2008 in den Bundestag einbringen.

Betroffenenverbände wie die Deutsche Diabetes Union (DDU), der Hausärzteverband, Apotheker, Krankenkassen und Teile der Pharmaindustrie wie die Aventis Foundation haben sich unter dem Dach der Nafdm dem Kampf gegen den Diabetes verschrieben.

Ärzten kommt größere Rolle bei der Diabetes-Prävention zu

Den Ärzten könnte künftig eine größere Rolle bei der Diabetesprävention zufallen. Wegen der vermuteten hohen Dunkelziffer bei den Diabetes-Erkrankungen schlagen Fachleute wie der Direktor des Potsdamer Instituts für Ernährungsforschung, Professor Hans-Georg Joost, eine Vorsorgeuntersuchung vor, um dem Diabetes mellitus Typ 2 auf die Spur zu kommen.

In der zweiten Aprilhälfte startet in Sachsen das Programm "gesunde.sachsen.de", das helfen soll, durch Lebensstilveränderungen die vom Diabetes ausgehenden Risikofaktoren zu verringern. In Sachsen bieten AOK, DAK und IKK ihren rund 1,5 Millionen Versicherten an, an Präventionsmaßnahmen teilzunehmen. Thüringen und Nordrhein-Westfalen sollen folgen. Bundesweit sollen Präventionsmanager ab 2008 tätig werden.

Eigens ausgebildete Präventionsmanager sollen dann vor Ort die Aktivitäten von Ärzten, Apothekern, Sportvereinen sowie von Unternehmen koordinieren. Auch niedergelassene Ärzte können Präventionen anbieten, wenn sie Fortbildungen zum Thema Ernährung wahrgenommen haben. Gerade die Beratung durch Ärzte und Apotheker halten die Strategen im Kampf gegen Diabetes für besonders sinnvoll: "Kurz nach der Diagnose ist die Bereitschaft hoch, den Lebensstil zu ändern", stellte Gabriele Faber-Heinemann fest, die mehrere Diabetes-Präventionsprogramme koordiniert.

In Niedersachsens Kitas ist jedes zehnte Kind adipös

Eine umstrittene Rolle bei der Entdeckung des Diabetes spielt der "Findrisk-Fragebogen" der Deutschen Diabetes Stiftung (DDS), der nach dem Willen der Nafdm-Verantwortlichen bald in Arztpraxen und Apotheken ausliegen, aber auch auf Lebensmittelpackungen abgedruckt werden soll. In Sachsen soll der Fragebogen noch in diesem Jahr auf Behördenrechnungen erscheinen. Die Beantwortung von acht einfachen Fragen, beispielsweise nach dem Alter, Taillen-Umfang, Familien-Anamnese, Ernährungsgewohnheiten und dem Body-Mass-Index (BMI), sollen über das Diabetes-Risiko aufklären.

Fachleute meinen allerdings, dass der Fragebogen zu schlicht ist. Unter anderem werde nicht nach den Rauchgewohnheiten gefragt. Zudem lägen die Ergebnisse des Findrisk-Fragebogens und die des konkurrierenden Deutschen Diabetes-Risiko-Score des Tübinger Internisten Professor Hans-Ulrich Häring noch zu weit auseinander. "Findrisk zu vertrauen ist wie ein Münzwurf", sagte Hans-Georg Joost.

Einigkeit herrscht dagegen über den Handlungsbedarf. Die Risikogruppen werden immer jünger. Darauf deuten auch die Ergebnisse des Programms "Fit von klein auf" der Betriebskrankenkassen hin. Etwa zehn Prozent der Kinder in niedersächsischen Kindertagesstätten sind demnach adipös. Karin Lange von der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet dabei mit 33 Kitas zusammen, die rund 900 Kinder betreuen. "Der abnorme Anstieg des Gewichts beginnt bei den Betroffenen etwa mit vier Jahren", berichtete Lange von ersten Beobachtungen des 2006 begonnenen Projektes.

Die nächste Erhebung steht im Herbst 2007 an. Um Rückschlüsse darauf zu bekommen, welche Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten die Kinder von zu Hause mitbekommen, bezieht das Projekt Daten der Eltern ein. Der mittlere BMI der Eltern beträgt rund 25, ein Schwellenwert, der eine Tendenz zum Übergewicht signalisiert. "Fit von klein auf" gibt es auch in anderen Bundesländern. Spielerisch sollen die Kinder im Vorschulalter lernen, sich gesund zu ernähren, sich ausreichend zu bewegen und Stress erfolgreich zu bewältigen.

Diabetes und Dunkelziffer

  • Entwicklung: Von 1960 bis 2004 hat sich die Zahl der bekannten Diabeteserkrankungen in Deutschland von 0,6 Prozent auf 7,6 Prozent erhöht. Das waren 2004 rund 6,4 Millionen behandelte Diabetiker.
  • Altersabhängigkeit: Zwischen vier und zehn Prozent der Männer und Frauen im Alter von 40 bis 59 Jahren leiden an Diabetes mellitus. Ab 60 Jahren steigt der Anteil auf zwischen 18 und 28 Prozent.
  • Jugendliche: Die Zahl der Neuerkrankungen an Typ-1-Diabetes bei den unter 14-jährigen steigt. Auch die Zahl der Typ 2 Diabetiker bei Jugendlichen steigt. Mehrere tausend übergewichtige Kinder, vor allem aus Migrantenfamilien, sollen daran leiden.
  • Dunkelziffer: 40 Prozent der Menschen zwischen 55 und 74 Jahren weisen möglicherweise einen gestörten Kohlenhydratstoffwechsel auf. Es wird geschätzt, dass auf jeden erkannten Diabetiker ein unerkannter kommt. Das Nafdm geht von zwölf bis 14 Millionen Diabetikern aus.
  • Insulin: 2004 wurden rund 1,9 Millionen Diabetiker in Deutschland mit Insulin behandelt.

Quellen: "Diabetes 2007", DDU/Nafdm

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