Ärzte Zeitung, 20.09.2007

Blutzuckerspitzen schädigen Endothel

Herzgesunde Diabetiker haben ein ebenso hohes Infarkt-Risiko wie Nicht-Diabetiker mit manifester KHK

BERLIN (ugr). Drei von vier Diabetikern sterben an kardiovaskulären Komplikationen. Besonders gefährlich sind akute Blutzuckerspitzen über 180 mg/dl, die unmittelbar schädigenden Einfluss auf das Endothel haben. Daran erinnerte Professor Thomas Forst beim Neurologenkongress in Berlin.

Drei von vier Patienten leiden nach 20-jähriger Krankheitsdauer an einer diabetischen Polyneuropathie. Foto: Klaro

Die WHO schätzt, dass die Zahl der Diabetiker bis 2030 weltweit um 40 Prozent zunehmen wird. Für Europa wird mit einem Anstieg von 33 (Jahr 2000) auf 48 Millionen gerechnet. In Deutschland leben derzeit mehr als sechs Millionen Menschen mit Diabetes mellitus. Insulinresistenz führt auf Dauer zu Dyslipidämie, arterieller Hypertonie, endothelialer Dysfunktion und gestörter Fibrinolyse, erinnerte der Diabetologe aus Mainz.

Mikrovaskuläre (etwa Retinopathie, Nephropathie, Neuropathie) und makrovaskuläre Komplikationen (etwa KHK, Apoplexie, pAVK) seien die Folge. Ein herzgesunder Diabetiker habe ein so hohes Risiko für einen Myokardinfarkt oder Schlaganfall wie ein Nicht-Diabetiker mit KHK.

Kritisch seien Blutzuckerspitzen über 180 mg/dl. "Immer wenn dieser Wert überschritten wird, kommt es zu einer direkten Schädigung der Gefäße, zum Beispiel über die Pyruvatkinase-C-Aktivierung", sagte Forst bei einem Symposium von Boehringer Ingelheim und Lilly. Dabei spiele es keine Rolle, ob der Wert postprandial erreicht werde oder nüchtern.

Außer der Retinopathie - die praktisch jeder Diabetiker im Laufe der Erkrankung entwickelt - leiden drei von vier Patienten nach 20-jähriger Krankheitsdauer an einer diabetischen Polyneuropathie (PNP). 20 bis 30 Prozent von ihnen klagen über brennende, stechende, dumpfe oder auch kribbelnde Schmerzen. Bei fast allen Patienten sind die Füße, bei vier von zehn Patienten auch/oder die Hände betroffen.

"Warum einige Patienten eine schmerzhafte, andere eine schmerzlose PNP haben, ist noch unklar. Wir vermuten, dass inflammatorische Prozesse hier eine Bedeutung haben", sagte Professor Claudia Sommer aus Würzburg. Sie hat bei PNP-Schmerzpatienten deutlich höhere Spiegel proinflammatorischer Zytokine wie IL-2 und TNF gemessen. Schmerzfreie Patienten mit PNP hatten hingegen genauso niedrige Zytokinspiegel wie Gesunde.

Eine effektive symptomlindernde Behandlung gelingt nach Angaben von Sommer mit dem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin (Cymbalta®). Studien haben ergeben, dass mit dem Antidepressivum, das seit zwei Jahren auch bei PNP zugelassen ist, bei jedem zweiten Patienten eine mindestens 50-prozentige Schmerzlinderung erreicht werden kann.

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