Ärzte Zeitung, 27.01.2009

Ratschläge vom Experten

Viele Regeln für die Ernährung von Diabetikern sind heute überholt

Diabetiker brauchen heute nicht mehr ganz auf Zucker zu verzichten. Allerdings sollte Zucker nur Speisen beigemischt werden, weil er dann nicht sofort resorbiert wird. Es gilt auch nicht mehr generell, dass Diabetiker viele kleine Portionen anstelle weniger großer Mahlzeiten essen sollten.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Professur Hellmut Mehnert: Die Kombination von Metformin und Nateglinid ist eine sehr elegante Option.

Ein totales Zuckerverbot ist obsolet geworden. Der Grund: Auch andere Kohlenhydratträger wie Weißbrot und Kartoffeln erhöhen den Blutzucker ähnlich stark. Im übrigen gilt: In einer Mischkost wird Zucker nicht so rasch resorbiert wie in gesüßten Getränken. Dort ist noch immer der Zucker (Kochzucker oder Traubenzucker) wegen seiner dann besonders starken hyperglykämischen Wirkung unerwünscht.

Diabetiker dürfen nach Empfehlungen deutscher und europäischer Fachgesellschaften 10 Prozent der Gesamtkalorien in Form von reinem Zucker aufnehmen. Dabei ist das Beimischen zu Speisen zweckmäßig.

Ebenfalls an Bedeutung verloren hat die Zufuhr vieler kleiner Portionen anstelle weniger großer Mahlzeiten. Diese Empfehlung gilt fast nur noch für Patienten mit Misch- insulintherapie. Diese Patienten schützen sich durch das häufige Angebot von Kohlenhydraten gegen mögliche Hypoglykämien.

Er wäre aber sicherlich absurd, einem übergewichtigen Typ-2-Diabetiker mit einer 1000-Kalorien-Kost eine Ernährungsweise mit vielen kleinen Mahlzeiten aufzuzwingen, da die dabei angebotenen Essensportionen allzu gering wären.

Auch ist zu bedenken, dass durch die häufige Zufuhr kleiner Mahlzeiten sicherlich der Appetit eher angeregt wird als mit drei größeren Mahlzeiten und einer entsprechend längeren Pause zwischen den einzelnen Perioden der Nahrungszufuhr

Unbedingt abzulehnen ist die weit verbreitete völlige diätetische Ignoranz bei Typ-1-Diabetes. Diese Ignoranz gipfelt in den Empfehlungen, stets immer wieder so viel Insulin zu spritzen, wie man gerade Lust zur Zufuhr von Nahrung hat. Natürlich hat dieses Vorgehen cum grano salis einen wahren Kern, da Insulin-spritzende Diabetiker sich in der Tat mit ihrer Insulintherapie auch nach dem Gehalt an kohlenhydrathaltigen Nahrungsmitteln richten sollen. Ein Freibrief für die unbeschränkte Zufuhr von Nahrung darf dies aber nicht sein, da sonst auch Typ-1-Diabetiker übergewichtig oder adipös werden und damit eine schlechte Prognose haben.

Auch im Hinblick auf Süßungsmittel in der Ernährung von Diabetikern gibt es einen Paradigmenwechsel. Man unterscheidet bekanntlich Süßstoffe (zum Beispiel Saccharin, Cyclamat, Aspartame, Acesulfam) von den Zuckeraustauschstoffen (zum Beispiel Fructose, Sorbit und Xylit). Die Einnahme letzterer Süßungsmittel ist deswegen wenig sinnvoll, da sie den gleichen Kaloriengehalt haben wie gewöhnlicher Zucker.

Auch wenn zuzugeben ist, dass die Blutglukoseerhöhung mit den Zuckeraustauschstoffen geringer ausfällt als mit Zucker und mit diesen Substanzen auch die Karies nicht gefördert wird, sind doch die unerwünschten gastrointestinalen Wirkungen (Blähungen und Durchfälle) ein gewichtiger Grund gegen den Gebrauch der im Übrigen nicht billigen Zuckeraustauschstoffe.

Professor Hellmut Mehnert

Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten - diesen Themen widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren. 1967 hat Mehnert in München die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht. Er hat das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen. Mehnert ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

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