Ärzte Zeitung, 20.05.2009

Selbstkontrolle erhöht die Selbstmotivation

Den Verlauf nur mit dem HbA1c zu kontrollieren, reicht nicht. Was Tag für Tag passiert, wissen nur Patienten, die selbst messen.

Selbstkontrolle erhöht die Selbstmotivation

Regelmäßiges Messen hilft zur guten Einstellung der HbA1c-Werte.

Foto: Adam Majchrazk@fotolia.de

Heute ist es üblich, den Stoffwechsel bei Patienten mit Typ-2-Diabetes vor allem anhand des HbA1c-Wertes einzustellen. Doch das ist zu ungenau, sagt der Münchener Diabetologe Professor Oliver Schnell. Denn damit werden nur Mittelwerte über mehrere Monate erfasst. Mögliche Blutzuckerschwankungen im Tagesverlauf aber nicht. Solche Schwankungen, etwa steile Anstiege nach dem Essen, sind aber besonders mit frühen Gefäßveränderungen assoziiert. Außerdem dauert es bei schlechter Stoffwechselkontrolle heute im Mittel 27 bis 35 Monate, bis die Therapie angepasst wird. Da werde viel zu lange gewartet, kritisiert Schnell. Bei regelmäßiger Blutzucker-Selbstkontrolle und einer gemeinsamen Analyse der Werte mit dem betreuenden Praxisteam seien viel frühere und exaktere Therapie-Empfehlungen möglich.

Deshalb sollte, was für Insulin-behandelte Diabetiker selbstverständlich ist, auch allen anderen Diabetikern empfohlen werden: die Selbstmessung der Blutglukose. Schwächen und Defizite im täglichen Lebensstil werden so offenbar, etwa der Effekt, der sich nach einer Tafel Schokolade einstellt. Noch wichtiger ist der Motivationsfaktor, wenn sich bei Typ-2-Diabetikern rasch der Effekt von Lebenstil-Änderungen zeigt, etwa der Nutzen eines abendlichen Spazierganges. Davon ist Professor Stephan Martin vom Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum in Düsseldorf überzeugt.

Der Diabetologe hatte zunächst in der epidemiologischen ROSSO-Studie nachgewiesen, dass Typ-2-Diabetiker, die regelmäßig selbst ihren Blutzucker kontrollieren, weniger oft Diabetes-Komplikationen haben als Patienten, die das nicht tun. Und: Sie leben länger. Inzwischen liegen auch die ersten Ergebnisse der ROSSO-Praxisstudie vor. Diese Ergebnisse bestätigen, dass regelmäßige Selbstmessungen den Lebensstil und wichtige Prognoseparameter positiv beeinflussen.

Der Effekt von Essen und Bewegung zeigt sich sofort.

Wie Schnell betont, hat auch die neue prospektive DINAMIC-1-Studie ergeben, dass regelmäßige Blutzucker-Selbstmessungen bei Typ-2-Diabetikern unter oraler Therapie nach einem halben Jahr zu deutlich geringeren HbA1c-Werten führten - im Vergleich zu Patienten ohne solche Messungen. Die Blutzucker-Selbstkontrolle motiviert offenbar dazu, eher auf gesünderes Essen und mehr Bewegung zu achten.

Für Schnell wäre es optimal, wenn pro Woche 6 bis 8 Teststreifen von den Kassen bezahlt würden, damit an drei Tagen jeweils vor und nach den Mahlzeiten und auch vor dem Schlafengehen gemessen werden könne. Bei neu entdecktem Diabetes sollte öfter gemessen werden, empfiehlt der Diabetologe, damit die Patienten ein Gefühl dafür bekommen, wie sich Lebensgewohnheiten oder eine Infektion auf den Blutzucker auswirken.

Wichtig sei es, die Patienten gut zu schulen und Ihnen Anweisungen zu geben, wie sie auf die selbst gemessenen Werte reagieren sollen. Es sollen klare Vereinbarungen getroffen werden, was bei Abweichungen zu tun ist. (Rö)

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