Ärzte Zeitung, 08.07.2009

Sport trotz Polyneuropathie? Ja, klar!

Ausdauersport ist für Diabetiker wichtig - auch wenn sie eine Polyneuropathie haben. Nicht jeder Sport belastet die Füße in gleichem Ausmaß. Was kann man Patienten raten?

Schwimmen belastet natürlich bei diabetischer Polyneuropathie die Füße am wenigsten.

Foto: AOK Mediendienst

Von Simone Reisdorf

"Das Lebenszeit-Risiko für Ulzera liegt für Diabetiker mit Polyneuropathie bei 25 Prozent", sagte Professor Peter R. Cavanaugh von der Pennsylvania State University in den USA beim US-Diabeteskongress. "Trotzdem ist eine diabetische Polyneuropathie nicht zwangsläufig eine Kon-traindikation für Sport." Denn viele Schritte per se erhöhen das Risiko nicht, so Cavanaugh: "Das hat kürzlich wieder eine prospektive Studie mit Verwendung von Schrittzählern bestätigt: Die aktiveren Patienten hatten nicht mehr Ulzera als die inaktiven."

Allerdings sei nicht jeder Ausdauersport gleich gut geeignet für die Patienten, so der Bewegungsmediziner und Orthopäde. "Beim Joggen verbraucht man zwar die meiste Energie, gemessen in MET, aber die Füße werden auch am stärksten belastet", sagte Cavanaugh. "Die Spitzen-Auflagekraft der Füße ist beim Schwimmen gleich null, beim Radfahren beträgt sie das 0,3-Fache des eigenen Körpergewichts, beim Walken das 1,2-Fache und beim Joggen mit moderater Geschwindigkeit sogar das 2,5-Fache."

Zu beachten sei auch die Fuß-Boden- und die Fuß-Schuh-Wechselwirkung, bei der es um den Druck auf die Füße gehe: "Schwimmen ist hier wiederum mit keiner Belastung verbunden", so Cavanaugh. "Beim Radfahren drücken etwa 100 kPa, beim Walken 300 und beim Joggen 420 kPa auf die Füße." Diese Aussagen seien aber eigentlich noch zu pauschal: "Wichtig sind auch die konkreten Gegebenheiten am Fuß und Schuh: So können die Fußform, Fehlstellungen, Veränderungen an Nägeln oder Hornhaut oder zu enge Schuhe den Druck auf bestimmte Stellen stark erhöhen."

So gehen Ihre Patienten auf Nummer sicher

  • Klären Sie die Patienten auf - sie wissen wenig über Neuropathie.
  • Am Anfang sollte immer eine ärztliche Fußinspektion stehen.
  • Schauen Sie sich auch Schuhe, Strümpfe und Einlagen an - nur jeder vierte Diabetiker hat passende Schuhe.
  • Schlagen Sie verschiedene, auch wenig belastende, Sportarten vor.
  • Schränken Sie aber das Gehen nicht grundlos ein. Walking ist für die meisten Patienten geeignet.
  • Bringen Sie die Patienten dazu, ihre Füße regelmäßig selbst zu inspizieren und sie zu pflegen.
  • Falls die Patienten nach dem Sport die Fußtemperatur messen möchten: Acht Grad Temperaturerhöhung sind normal!
  • Tipps von Prof. Peter Cavanaugh

    Das metabolische Äquivalent MET

    Das metabolische Äquivalent MET ist für viele Sportmediziner die wichtigste Maßeinheit der Bewegung, jenseits von Kalorien und Joule. 1 MET entspricht einem Verbrauch von 3,5 ml (bei Frauen 3,15 ml) Sauerstoff pro Minute und pro Kilogramm Körpergewicht.

    Beispiele:

    1 MET verbraucht man im Schlaf.

    4 MET verbrauchen allgemein inaktive Personen bei moderater Bewegung (Schwimmen mit 40 m/min, Radfahren mit 15 km/h, Walking mit 6,5 km/h).

    10 MET verbrauchen allgemein inaktive Personen bei höchster sportlicher Aktivität.

    18 MET verbrauchen Läufer beim Leistungssport.

    27 MET ist die höchste jemals gemessene Aktivität eines Olympia-Teilnehmers. (sir)

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