Ärzte Zeitung, 30.07.2009

Was bleibt, sind beunruhigte Patienten

In Sachen Lantus® geben die vorliegenden Daten keinen Grund zur Sorge, sagt die EMEA. Aber viele Patienten sind noch verunsichert.

Von Marlinde Lehmann

Alle Hände voll zu tun mit verunsicherten Patienten: Beratung in der Sprechstunde.

Foto: Klaro

"Da war doch was mit Insulin und Krebs, Herr Doktor, sehen Sie da wirklich keine Probleme?"

Solche Fragen von Diabetes-Patienten, die eine Insulin-Therapie brauchen, werden Kollegen in der Praxis noch etliche Zeit begleiten -und immer wieder Beratungsgespräche nötig machen. Denn ein Bericht in den "Tagesthemen", der mit den Worten "Hohes Risiko - Krebsgefahr durch Diabetes-Medikament" eingeleitet wird, gräbt sich in die Erinnerung nun einmal wesentlich stärker ein als viele nachfolgende entwarnende Worte, auch die Entwarnung durch die EU-Zulassungsbehörde.

Völlig normal.

Völlig normal ist auch die Reaktion mancher Diabetiker, die, verschreckt durch die "Tagesthemen", prompt ihr Insulin abgesetzt haben. "Einige unserer Patienten mit Insulin glargin haben ihre Therapie sofort abgesetzt. Am Montag sind sie dann in die Praxis gekommen mit Blutzuckerwerten um 400 mg/dl", hat etwa Dr. Eva-Maria Fach, niedergelassene Diabetologin in Rosenheim, der "Ärzte Zeitung" berichtet.

Dass sich dabei nicht nur viele Glargin-Anwender die Warnungen vor einem möglicherweise erhöhten Krebsrisiko bei Anwendung von Lantus® zu Herzen nehmen, sondern auch andere Diabetiker verunsichert würden, war klar. Nicht ohne Grund betonen etwa die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE: "Wichtig ist festzustellen, dass sich aus diesen Ergebnissen (Anm. der Red.: der neu veröffentlichten Studien) keinerlei Hinweise auf die Behandlung von Menschen mit Diabetes Typ 1 ableiten lassen. Ebenso ließen sich keine Rückschlüsse auf die Behandlung mit anderen Analoginsulinen aus diesen Studien begründen."

Bedenken, Sorgen, Unsicherheit - diese Begriffe haben in den vergangenen Wochen die Diskussion um die Sicherheit von Insulin glargin geprägt. Und immer wieder das Wort "Verdacht". Nach außen ging es dabei um den Verdacht, dass Glargin das Krebsrisiko erhöhen könnte. Aber es gibt noch einen Verdacht, der in der Diskussion jedoch kaum thematisiert wurde, nämlich der Verdacht, dass es bei dem Versuch, Glargin ins schlechte Licht zu rücken, gar nicht so sehr um die Sicherheit der Substanz geht, sondern um finanzielle Interessen der deutschen Gesundheitspolitik.

So wurde auch in der Anmoderation der "Tagesthemen" darauf hingewiesen, dass der Glargin-Hersteller - außer dem in der Folge aufgeworfenen Krebsproblem - bereits schon ein anderes Problem habe: "Weil Lantus® wesentlich teurer ist als das normale Insulin, wird gerade geprüft, ob die Kassen die Kosten für dieses Medikament künftig überhaupt noch übernehmen."

Tatsache ist, dass das IQWiG am 19. März in seinem Abschlussbericht keinen Zusatznutzen langwirksamer Insulinanaloga im Vergleich zu Humaninsulin gesehen hat. Mehr nicht.

Deshalb stellt Sanofi-Aventis in einem offenen Beschwerdeschreiben an die Verantwortlichen des "Tagesthemen"-Berichtes auch klar: Die Anmoderation enthalte eine falsche Tatsachenbehauptung: "Lantus® ist nicht "wesentlich teurer" als Humaninsulin - es liegen mehrere Studien anerkannter Pharma-Ökonomen vor, die zeigen, dass das Medikament aus Sicht der Krankenkassen nicht zu höheren Kosten führt, sondern die Therapie eher günstiger ist. Im Verfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses (...) geht es auch nicht nur um die Kosten, sondern vor allem um den medizinischen "Zusatznutzen" für Patienten."

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