Ärzte Zeitung, 20.11.2009

Intensive Forschung: Wie lässt sich der Anstieg von Typ-1-Diabetes bei Kindern verzögern?

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Auch wenn’s dem Baby schmeckt - es besteht der Verdacht, dass frühe Beikost von Brot durch das Gluten Diabetes begünstigt.

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Von Helga Brettschneider

In europäischen Ländern erkranken immer mehr Kinder an Typ-1-Diabetes. Setzt sich der Trend fort, wird es im Jahr 2020 über 24 000 Neuerkrankungen geben. Nach Möglichkeiten zur Prävention wird intensiv gesucht.

Nach einer Hochrechnung wird die Zahl der Kinder unter 15 Jahren mit Typ-1-Diabetes in Europa von rund 94 000 im Jahr 2005 auf 160 000 im Jahr 2020 steigen. Für die Studie wurden Registerdaten aus 17 europäischen Ländern - von Österreich über Rumänien und Slowenien bis Finnland und Spanien - analysiert. Daten von 29 311 Kindern mit Erstdiagnose aus den Jahren 1989 bis 2003 standen zur Verfügung. 4284 Kinder stammten aus Zentren in Baden-Württemberg und Düsseldorf.

Im Mittel stieg die Inzidenz pro Jahr um 3,9 Prozent. Die Zunahme war in Polen am höchsten (9,3 Prozent) und in Spanien am niedrigsten (0,6 Prozent). In Baden-Württemberg sind es 3,7 Prozent, in Nordrhein-Westfalen 4,7 Prozent. Je jünger die Kinder waren, desto stärker stieg bei ihnen die Rate der Neuerkrankungen: bei Kindern bis 4 Jahre um 5,4 Prozent pro Jahr, bei 5- bis 9-Jährigen um 4,3 und bei 10- bis 14-Jährigen um 2,9 Prozent. Setzt sich der Trend fort, wird die Zahl der Neuerkrankungen in Europa von 15 000 im Jahr 2005 auf über 24 000 im Jahr 2020 um zwei Drittel steigen, so Dr. Christopher Patterson aus Belfast (Lancet 373, 2009, 2027). Zudem ändert sich die Altersverteilung der Patienten.

Dass die Typ-1-Inzidenzen so rasch steigen und sich in den europäischen Ländern auch einander anzunähern scheinen, spricht für Umwelteinflüsse: Der Lebensstil und damit assoziierte Risikofaktoren werden einheitlicher. Solche Einflüsse werden in der Studie TEDDY* erfasst, wie Dr. Christiane Winkler vom Münchener Institut für Diabetesforschung berichtet. Darin werden Kinder mit Diabetes-Risikogenen bis zum Alter von 15 Jahren betreut. Weltweit wurden seit 2004 über 5000 Kinder in die Studie aufgenommen. Regelmäßige Checks umfassen Diabetes-typische Antikörper (die ein hohes Erkrankungsrisiko anzeigen) und äußere Faktoren wie Infektionen und Ernährung. 38 Kinder sind bereits an Typ-1-Diabetes erkrankt.

Hinweise zu Einflüssen der Ernährung auf das Diabetesrisiko liegen unter anderem zu Gluten vor. Die BABYDIAB-Studie betreut Säuglinge von Eltern mit Typ-1-Diabetes. Sie ergab ein vierfaches Risiko für die Entwicklung von Autoantikörpern gegen Inselzellen im Pankreas und Typ-1-Diabetes, wenn schon in den ersten vier Lebensmonaten zusätzlich Beikost gegeben wurde. Die enthielt oft Getreide, also Gluten. In der Studie werden deshalb 150 Säuglinge mit hohem Diabetesrisiko (Risikogene plus ein erstgradiger Angehöriger mit Typ-1-Diabetes) sechs oder zwölf Monate lang glutenfrei ernährt.

Eine Therapie mit Ciclosporin A brachte bereits vor Jahren bei Patienten mit neu manifestiertem Typ-1-Diabetes Erfolge; so stieg unter anderem die Insulinproduktion. Es traten aber schwere Nebenwirkungen wie Nierenschäden auf. Für orales Insulin gab es Hinweise auf eine verzögerte Diabetesentwicklung; dies wird jetzt in einer Pilotstudie untersucht.

Ein Hoffnungsträger ist das Medikament Anakinra, ein Hemmstoff von Interleukin 1 (IL-1). IL-1 kann die Betazellen schädigen, Anakinra hemmt dagegen Entzündungen. In einer Studie erhalten erwachsene Typ-1-Patienten nach der Diagnose außer der Insulintherapie den Wirkstoff mehrere Monate lang täglich subkutan, so Privatdozentin Nanette Schloot vom Deutschen Diabeteszentrum Düsseldorf.

Das Präparat RH-GAD65 neutralisiert zirkulierende Antikörper, die sonst den Diabetes vorantreiben, so Privatdozent Andreas Neu aus Tübingen. Es wird bei 10- bis 20-Jährigen mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes geprüft. Sie erhalten die Substanz 2,5 Jahre lang mehrmals subkutan injiziert. Das soll die restliche Insulin-Produktion erhalten oder verbessern und eine stabile Diabeteseinstellung erleichtern.

* TEDDY steht für "The Environmental Determinants of Diabetes in the Young"

[20.11.2009, 10:36:43]
Margarita Moerth 
Aufklärung tut Not
Zahlen und Prognosen sind tatsächlich alarmierend. Die LÖsung kann jedoch nicht nur im Auffinden optimaler Meidkationen für ein Volk von Typ-I-Diabetikern liegen! (Etwas überspitzt formuliert)
Wie schon im Artikel angeführt, fängt es bei der Ernährung an. Nicht nur im Kleinkindesalter. Kinder, die mit Fertiggerichten im wahrsten Wortsinn "abgespeist" werden, die dann Stunden vor dem PC sitzen, daneben vielleicht eine Familienpackung Potatoe Chips verdrücken, um es sich anschließend vor dem Fernseher gemütlich zu machen, haben die besten Chancen, lebenslange Insulin-Konsumenten zu werden. (Aus Angst vor FSME- oder Borreliose-übertragenden Zecken schicken wir unsere Kinder ja auch längst nicht mehr hinaus ins Grüne zum Spielen und Herumtollen).
Irgendwann gibt dann das erschöpfte Pankreas die INsulin-Produktion gänzlich auf und wir haben unseren "Typ I".
M.E. sind sich viele junge Eltern der drohenden gefahren für ihre Couch Potatoes gar nicht besusst. Da geht es nicht darum, dass die Kinder vielleicht "ein bisserl zu dick" sind. Aufklärung tut Not! Und die beginnt in den Praxen von Kinderärzten, in Ambulanzen und meinetwegen bei Heilopraktikern. zum Beitrag »

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