Ärzte Zeitung, 09.03.2010
Wem
ist die Selbstmessung des Blutzuckers zu empfehlen?
Regelmäßige Selbstkontrollen sind
für Diabetiker unentbehrlich und Conditio sine qua non
für eine gute Diabeteseinstellung.
Von Prof. Hellmut Mehnert
Die Frage: "Blutzuckerselbstkontrolle"
oder "Harnzuckerselbstkontrolle" ist entschieden. Für
Insulin-spritzende Patienten ist es wenig sinnvoll, nur den Harnzucker
zu kontrollieren, da so nicht nur Probleme mit einer erhöhten
Nierenschwelle für Glukose im Alter und bei Nephropathie,
sondern auch Probleme mit dem Erkennen der Hypoglykämie, was
nur mit der Blutzuckerselbstkontrolle möglich ist, auftreten.
Grundsätzlich gilt, dass jeder Insulin spritzende
Diabetiker regelmäßig Selbstkontrollen vornehmen
soll, die die tägliche Richtung der Einstellung vorgeben.
Natürlich gilt dies für alle Typ-1-Diabetiker und
Insulin spritzende Typ-2-Diabetiker. Auch anderweitig behandelte
Typ-2-Diabetiker können - wie die Rosso-Studie von Professor
Stephan Martin belegt hat - von der Blutzuckerselbstkontrolle
profitieren. Natürlich handelt man nach dem Grundsatz: je
instabiler ein Diabetes ist und je ausgeprägter dabei das
endogene Insulindefizit ist, umso häufiger müssen
Selbstkontrollen durchgeführt werden.

Professur Hellmut Mehnert: Die Kombination
von Metformin und Nateglinid ist eine sehr elegante Option.
Insulin spritzende Diabetiker sollten generell vor
jeder Spritze und zum Teil auch am späten Abend, also drei-
bis viermal täglich ihren Blutzucker messen. Kostentreibend
und erschwerend kommt aber hinzu, dass auch gelegentliche postprandiale
Kontrollen zur Orientierung von Arzt und Patient wichtig sind, da bei
entsprechend hohen Werten nach dem Essen unter Umständen die
Insulin-Medikation auf kürzer wirkende Injektionen vor der
Mahlzeit (Analog-Insuline) umgestellt werden muss.
In besonderen Situationen muss sogar noch häufiger
der Blutzucker selbst kontrolliert werden. Das gilt vor allem bei
Krankheit, Fieber, Muskelarbeit und natürlich bei
Unterzuckerzeichen. Gerade dafür sind Selbstkontrollen des
Blutzuckers unentbehrlich. Wenn also ein Patient Unterzuckerzeichen
spürt, soll er ebenso zusätzliche Messungen machen
wie vor dem Antritt jeder Autofahrt, um den dann besonders
schädlichen Unterzuckerungen rechtzeitig begegnen zu
können. Deshalb wird immer die Zufuhr von zwei bis drei Brot-
oder Kohlenhydrateinheiten vor Antritt einer Autofahrt empfohlen.
Alle Blutzucker-Selbstkontrollen sind sinnlos, wenn die
Messwerte nicht in einem Diabetiker-Tagebuch dokumentiert werden.
Alleinige Messungen ohne entsprechende Aufzeichnungen sind nicht
sinnvoll, weil die Patienten sich schon am nächsten Tag nicht
mehr an die gemessenen Ergebnisse erinnern können.
Selbstverständlich sollen die aufgezeichneten Werte zu den
ärztlichen Kontrollen mitgebracht werden, um mit dem Arzt die
Ergebnisse, die möglichen Therapiekorrekturen und die erneute
Verordnung von Teststreifen zu besprechen.
Sich gut kontrollierende Diabetiker sollen natürlich
lernen, sich auch ohne ärztliche Hilfe den Werten der
Selbstkontrolle anzupassen. Das sollte nicht
überstürzt geschehen und auch nicht auf einem
einzelnen gemessenen Wert beruhen.
Andererseits ist es aber wichtig, einer dauerhaften
Hyperglykämie durch Erhöhung der Insulindosis oder
eventuellen Unterzuckerungen durch Verminderung der Hormonsubstitution
rechtzeitig zu begegnen.
Gut kontrollierte Diabetiker verursachen deutlich weniger
Kosten als schlecht eingestellte ohne Selbstkontrolle. Das gilt sowohl
im Hinblick auf seltenere Krankenhausaufenthalte als auch auf die
Reduzierung mikro- und makroangiopathischer Komplikationen.
Professor Hellmut Mehnert
Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten
- diesen Themen widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit
über 50 Jahren. 1967 hat Mehnert die weltweit
größte Diabetes-Früherfassungsaktion
gemacht. Er hat auch das erste und größte
Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben
gerufen. Mehnert ist Träger der Paracelsus-Medaille, der
höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

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